Wie auch im vorigen Jahr initiierte der Förderverein der Christuskirchengemeinde einen Ausflug, der uns diesmal zu den „Bonten Kerken“ im Bergischen Land führte. Dabei war die erste Kirche, die wir in Wuppertal-Barmen besichtigten, gar nicht bunt. Sie ist aber aus anderen Gründen von Bedeutung:
Die Gemarker Kirche liegt im Zentrum von Wuppertal. 1714 feierte die evangelisch-reformierte Gemeinde ihren ersten Gottesdienst. In der Zeit des Nationalsozialismus tagte hier die konstituierende Bekenntnissynode der Bekennenden Kirche, in der die Herrschaft des Staates über die Kirche und ihre ideologische Unterwanderung entschieden zurückgewiesen wurden. Damit manifestierte sich die Spaltung der evangelischen Christen. Noch heute werden in der Evangelischen Kirche im Rheinland Pfarrer und Prädikanten unter anderem auf diese sogenannte „Barmer Theologische Erklärung“ ordiniert. Die Kirche brannte 1943 nach einem britischen Luftangriff völlig aus, erst 1955 konnte wieder Gottesdienst in einem neu errichteten Bau gefeiert werden.
Ein weiteres interessantes Bauwerk ist die der Gemarker Kirche direkt benachbarte neue Synagoge Bergisch Land. Diese Synagoge, auf einem Grundstück gebaut, das die Evangelische Kirche im Rheinland der jüdischen Kultusgemeinde geschenkt hat, ist ein Zeichen der Zusammengehörigkeit von Christen und Juden, ein Zeichen der Versöhnung. Kirche und Synagoge bilden, so sagte es Johannes Rau 2002 bei der Eröffnung der Synagoge, eine Haftungsgemeinschaft und kommen sich räumlich so nahe wie sonst nirgendwo auf der Welt.
Ein weiteres Zeichen der Versöhnung und des Friedens ist das „Nagelkreuz“ der Kathedrale von Coventry, das aus drei Dachnägeln der zerstörten Kathedrale besteht und Gemeinden wie dieser 2007 übergeben wurde, die sich verpflichtet haben, den Weg des Friedens und der Versöhnung weiterzugehen. Diese Gemeinden bilden die sogenannte Nagelkreuzgemeinschaft. Sehr beeindruckend fand ich auch das Café Komma an der Gemarker Kirche, ein Begegnungs- und Kommunikationszentrum, in dem man mit fair gehandelten Waren preiswert essen kann, gleichzeitig aber auch Ansprechpartner für nichtkirchliche Dinge findet.
Die evangelische Kirche Johannes der Täufer zu Ennepetal-Voerde war unser nächstes Ziel. Nach einer kleinen Andacht von Herrn Sauer mit den Worten des 103. Psalms „Lobe den Herrn, meine Seele“ und dem passenden Lied von Paul Gerhardt erkundeten wir die Kirche mit ihrer barocken Farbenpracht und dem lichten Hallenraum, in dessen Chorraum sich ein barocker Choraufbau mit einem Taufstein befindet. Über den Altar mit einem Bild des Heiligen Abendmahles ragt die Kanzel, die dem Bug eines Schiffes nachempfunden ist. Darüber befindet sich die prächtige neubarocke Orgel. Diese Anordnung ist typisch für Architektur des bergisch-märkischen Raumes und nimmt den Betrachter sofort mit seinen leuchtenden Farben gefangen. Im Chorraum stehen die Apostel Petrus und Paulus, die vier Evangelisten, aber auch die Figuren von Moses mit den zehn Geboten und Aaron im hochpriesterlichen Gewand. Beeindruckend ist der Innenraum mit seinem Tonnengewölbe aus Holz, verziert mit vielen Girlanden aus Blättern und Blumen. Man hat den Eindruck eines spitzbogigen gotischen Gewölbes, in dessen acht Feldern sich Gemälde mit Szenen aus der Bibel befinden. Ein kleiner Hinweis der Gemeinde dazu: „Dieses Gotteshaus ist kein Museum, keine Ausstellung schöner Künste, sondern ein Lobpreis und eine Verherrlichung des heilsgeschichtlichen Wirkens Gottes.“
Nach diesen ersten Besichtigungen hatten wir uns eine Rast verdient. Wir nahmen in dem schönen Restaurant „Rosine“ ein Mittagessen zu uns, dessen zauberhafte Anrichtung auf den Tellern fast ebenfalls einem Kunstwerk entsprach. Gestärkt an Leib und Seele machten wir uns auf den Weg nach Bergstadt-Wiedenest in der Nähe von Gummersbach. Die dortige Kreuzkirche steht abseits des Dorfes am Hang inmitten von Wiesen und umgeben von Bäumen. Mit den Fachwerkhäusern des Küster- und Pfarrhauses bildet sie ein malerisches Ensemble. Vermutlich wurde sie im 12. Jahrhundert gebaut. Oberhalb, aber nahe der Kirche entspringt eine Quelle, die in all den Jahren nicht versiegt ist und durch deren Wasser viele wunderbare Kuren geschehen sein sollen.
Auch wir labten uns an dem Wasser bevor wir das Gotteshaus betraten und überwältigt waren von den schönen Wandmalereien aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Da die Kirche eine Wallfahrtskirche war, waren die Wandmalereien in Höhe der Altarbilder angebracht, so dass sehr viele Menschen sie gleichzeitig betrachten konnten. Nach der Reformation wurden manche Bilder übertüncht. Später wieder entdeckt, sind sie inzwischen freigelegt und zum Teil auch ergänzt worden.
Obwohl viel Originalsubstanz verloren gegangen ist, zählen diese Wandmalereien zu den umfangreichsten Beständen spätgotischer Wandmalerei im Rheinland. Vorhanden sind das Jüngste Gericht und die Apostel, aber auch der Zyklus des Heiligen Kreuzes, dessen Legende ein Dominikaner in einem Buch beschrieben hat, das den Hauptfesten des Kirchenjahres und den Heiligen gewidmet ist. Man kann die Wandmalereien mit ihren 17 Traktaten wie ein Buch an der Wand lesen. Das Gegenstück zur Kreuzlegende bildet die Passion Christi, die mit der gleichen Anzahl von Szenen die Leidensgeschichte Jesu vom Einzug Jesu in Jerusalem bis zum Pfingstereignis schildert. Für viele Wallfahrer war das intensive Betrachten dieser Zyklen ein Ersatz für eine Jerusalem-Wallfahrt. Auf dem Altar steht ein siebenarmiger Leuchter, der ein Zeichen der Versöhnung sein soll, genauso wie die holländische Bibel auf dem Altar, die der Gemeinde von einer reformierten Gemeinde in Holland geschenkt wurde, die diese Bibel in den Trümmern ihrer von Deutschen zerstörten Kirche fand. Im Gegenzug erhält diese Gemeinde jährlich einen Weihnachtsbaum aus Wiedenest.
Den Höhepunkt unserer Kirchenreise bildete aber die dreischiffige romanische Pfeilerbasilika in Lieberhausen, die nicht inmitten des Dorfes, sondern auf einem kleinen Platz steht und von Häusern späterer Jahrhunderte umrahmt wird. Die Wandmalereien stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind später restauriert oder ergänzt worden. Lutherisch gewordene Gemeinden haben ihre Bilder, anders als reformierte Gemeinden, sehr oft nicht übertüncht. Oftmals wurden die Bilder, die Bibeltexte illustrierten, einfach übernommen. In Lieberhausen blieben die Bilder unverändert und wurden nur durch Schrifttafeln mit Leseanweisungen ergänzt, so dass die neue Glaubensauffassung deutlich zutage trat. So ist auf einer Wand zu lesen, auf der Verse aus dem Römerbrief stehen: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Als Ausmalung sehen wir das Jüngste Gericht, im Chor die Apostel, die zehn Gebote mit Text und Bild, die Seelenwägung, verschiedene Heilige wie den heiligen Christophorus und den heiligen Georg und viele andere Malereien. Die Gemeinde in Lieberhausen hat ihre Wandbilder also nicht übermalt oder beschnitten, um sie nach dem Übertritt zum neuen Glauben zu retten, sondern hat sie kommentiert oder mit neuen Bildern ergänzt. So besteht noch heute eine wunderbar ausgemalte Kirche, die uns die ganze Bibelgeschichte erzählt. Manche Bilder sind allerdings nur noch fragmentarisch erhalten.
Beim Schreiben dieses kleinen Berichtes ist mir noch einmal bewusst geworden, welch einen Reichtum wir an diesem Tag gesehen haben. Danke dafür.
Gisela Scheid