Ein Besuch, der noch lange nachwirkt…
Besucht man eine jüdische Synagoge, wird man sicher meist von sehr unterschiedlichen Eindrücken, Gedanken und Gefühlen bewegt. Nicht anders war das am Dienstag, den 18. Juni 2024, als nahezu 30 Personen der Einladung des Fördervereins der Christuskirche und der jüdischen Gemeinde Düsseldorf-Neuss in das Alexander-Bederov-Gemeindezentrum mit der neuen Synagoge folgten.
Nach der leider inzwischen obligatorischen Sicherheitskontrolle hießen die Vorsitzende des Fördervereins, Frau Dziobaka-Spitzhorn, und Rabbiner Schlomo Levin die Gäste willkommen und führten uns in die am 19. Sept. 2021 feierlich eingeweihte neue Synagoge, auf die die Gemeinde zurecht sehr stolz ist, bedeutet sie doch, zusammen mit dem renovierten und ausgebauten Zentrum, das Ergebnis jahrelanger Bemühungen um eine geistliche Heimat, für die insbesondere der unvergessene Alexander Bederov (gest.2012) als „Vater“ der Neusser Gemeinde steht. In der Synagoge stellt sich uns nun der orthodoxe Rabbiner Levin vor: 42 Jahre alt, aus Russland stammend, Ausbildung in Moskau und Israel, hat er seine Wirkungsstätte seit ungefähr einem Jahr in der 7000 Mitglieder umfassenden Düsseldorfer Gemeinde. Als er von seiner Familie erzählt, erwähnt er, dass er kaum Verwandte hat, weil die Ahnen im Holocaust ums Leben gekommen sind:
„Die Hälfte durch Hitler, die andere Hälfte durch Stalin.“ Später wird er, um Fassung ringend, berichten, dass er bei dem Anschlag der Hamas am 7. Oktober, wie so viele andere auch, Freunde und Bekannte verloren hat. Für jüdische Menschen stellt dieses Datum eine kaum vorstellbare (Re-)Traumatisierung dar. Dann lenkt er aber den Blick auf das Allerheiligste, den Tora-Schrein, auch heilige Arche genannt, öffnet die Türen, zieht die Vorhänge auseinander und wir sehen den rot-samtenen Tora-Mantel, der die auf Pergament mit der Hand beschriebenen Tora-Rollen umkleidet. Goldene Inschriften auf dem Mantel erinnern an die Tora-Rollen in der alten zerstörten Synagoge an der Promenadenstraße.
Über dem Tora-Schrank verweist ein hebräischer Psalmvers auf die Freude, allezeit des Herrn Wort zu hören. Rabbiner Levin erklärt, dass die Tora-Rolle am Schabbat feierlich dem Schrank entnommen und auf einem eigens hergestellten Tisch, der Bima, zu den Lesungen ausgerollt wird. In der Liturgie nimmt der Kantor dabei eine hervorgehobene Stellung ein. Tora bedeutet „Lehre“. Die Rollen umfassen die 5 Bücher Mose, das heilige Gesetz Gottes mit seinen 613 Geboten. Diese spiegeln sich auch in den sogenannten Zizit wider, Quasten an den vier Enden des Gebetsmantels Tallit, gleichsam Fäden mit Knoten, die den Zahlenwert 613 symbolisieren.
Der große Tallit wird zum Gottesdienst und auch zum Morgengebet angelegt und bedeckt Kopf und Rumpf. Rabbiner Levin trägt vorschriftsgemäß noch zusätzlich einen kleinen Tallit unter seinem Hemd, die Zizit in den Hosentaschen bergend. So erinnern die Quasten stets an die Gebote Gottes, die unserem Leben seine Richtung geben. Diese Erinnerung spielt im jüdischen Glauben eine tragende Rolle. In diesem Zusammenhang ist auch die Mesusa von großer Bedeutung, ein kleines längliches Behältnis, das schräg an allen Türöffnungen eines Hauses oder einer Wohnung angebracht wird und jeweils beim Betreten und Verlassen mit der rechten Hand zu berühren ist, die dann zum Mund geführt wird. Die Mesusa enthält ein kleines Stück Pergament mit zwei Zitaten aus dem 5. Buch Mose, die an die Einzigartigkeit Gottes erinnern (Schma Jisrael)!
Natürlich wäre noch vieles zum jüdischen Glauben und Gottesdienst zu erzählen, aber nun führt uns Rabbiner Levin durch den Festsaal in einen zweiten Raum, der bei Bedarf der Synagoge hinzugefügt werden kann. Und dort ist alles liebevoll und festlich für uns vorbereitet mit kleinen Speisen und Getränken. Aber bevor es zum Essen geht, berichtet Rabbiner Levin von den aktuellen Nöten der jüdischen Menschen, die von dem verbrecherischen Angriff der Hamas zutiefst erschüttert sind. Auch die Düsseldorfer Gemeinde unternimmt große Anstrengungen, um den Betroffenen beizustehen. Immer wieder erwähnt Rabbiner Levin, wie unfassbar es ist, dass aus dem „Nie wieder!“ nach dem Holocaust sich solches zutragen konnte. Und er beschreibt auch die existentiellen Ängste jüdischer Menschen in Deutschland und in seiner Gemeinde. Man kann sich vorstellen, welche Wirkung seine Worte auf die Gruppe hatten.
Dann übernimmt Stadtarchivar Dr. Jens Metzdorf das Wort und trägt zur Geschichte der Juden in Neuss vor. Eine Geschichte, die das Leid des jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte vor Augen stellt. Wer gerne mehr dazu lesen möchte, sei auf das hervorragende Standardwerk von Stefan Rohrbacher verwiesen: Juden in Neuss (1986). Hatte sich nach 300 Jahren ohne jüdisches Leben nach der französischen Besatzung ab 1794 und begünstigt durch die Toleranz des Code Civil neues jüdisches Leben in Neuss begründet, wuchs die Gemeinde bald auf fast 300 Personen an. Schließlich gelang es sogar, die architektonisch so schöne Synagoge an der Promenadenstraße im orientalisch anmutenden Stil zu bauen (1867), übrigens geplant vom preußischen Baurat Friedrich Wilhelm Weise, dessen Grabstein an der Christuskirche zu finden ist. Berühmter Kantor der Gemeinde war Benno Nussbaum, nach dem ein Platz in der Innenstadt benannt ist.
Dr. Metzdorf beschreibt das jüdische Gemeindeleben als unauffällig.
Man war „politisch gemäßigt liberal“ und „religiös gemäßigt konservativ“.
Einige jüdische Familien brachten es zu Wohlstand wie die Familie Simons, nach der jüngst ein Preis benannt wurde, der jährlich von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit verliehen wird. Viele waren Kleinbürger und Händler. Man verstand sich als deutsche Bürger, kaiser- und vaterlandstreu, was ihnen letztlich jedoch nicht angerechnet wurde. Aus dem jahrhundertealten Antisemitismus erwuchsen schließlich der Hass und der Vernichtungswille der Nazis. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch in Neuss jüdische Geschäfte zerstört, die Synagoge niedergebrannt und jüdische Mitbürger durch die Straßen getrieben. Dr. Metzdorf sagt: „Jeder konnte es sehen, und jeder sollte es sehen.“ Manchen gelang es zu fliehen. USA, Argentinien, Israel. Einige nur bis in die Niederlande und nach Belgien, wo sie dann später doch noch dem Naziterror zum Opfer fielen. Jedes Jahr wird der 204 Opfer in Neuss am Jom haShoa im Frühjahr und am 9. November am Mahnmal in der Promenadenstraße gedacht. Dass Nachfahren der damaligen Mitbürger nach diesen Geschehnissen heute wieder Kontakte nach Neuss knüpfen, unsere Stadt besuchen, Freundschaften und sogar eine Städtepartnerschaft entstanden sind, gehört aber zu den wunderbaren und Hoffnung gebenden Zeichen, „dass der Mandelzweig wieder blüht“, wie es im Lied heißt. Gemeinsam essen und trinken, mit Familie, Freunden, Nachbarn: Das ist zentral für jüdisches Leben.
Und so klingt der Abend dann in einem harmonischen und gastfreundlichen Miteinander auch aus. Im Versammlungsraum gehen die Blicke dabei immer wieder auch hin zu einer Vitrine mit dem aufgearbeiteten Toramantel aus der alten Synagoge. Wie durch ein Wunder wurde er 1938 nicht Opfer der Flammen und überdauerte die Jahrzehnte im Clemens-Sels-Museum. Der alte Tora-Mantel ruft Dankbarkeit hervor, nun in dieser neuen Synagoge wieder Gemeindeleben erfahren zu können. Und zugleich ist er eine Mahnung, allen Anfängen eines neuen Antisemitismus zu wehren.
Das Schlusswort hat Frau Dziobaka-Spitzhorn, die der gastgebenden Gemeinde und den Referenten sehr herzlich dankt und die Teilnehmenden nach Hause entlässt, angefüllt mit den zu Beginn schon beschriebenen Eindrücken und Gefühlswelten, die sie sicher noch lange beschäftigen werden.
Seien Sie herzlich gegrüßt
von Ihrem Pfarrer i.R. Franz Dohmes