Gott verlasse uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns.
1. Könige 8,57
Dies stammt aus dem Gebet des Königs Salamos zur Einweihung des neuen Tempels. Dieser hatte als Wohnstätte Gottes für die Menschen eine enorme Bedeutung. Mit der Fertigstellung des Tempels war klar: Gott ist da, er wohnt mitten unter uns.
Gott ist da, klar das ist eine völlige Selbstverständlichkeit. Gott ist immer da, er ist überall da. Er war da als ich noch nicht war. Er wird sein, wenn ich nicht mehr bin. Alles ist vergänglich, Gott nicht.
Ich versuche, einen undenkbaren Gedanken zu denken. Was wäre, wenn Gott beschließen würde, nicht mehr für uns da zu sein? Was wäre, wenn er endgültig die Nase voll hätte von uns, den störrischen Menschen, die doch immer nur Krieg führen, die Welt vergiften und dabei Gott größtenteils vergessen. Was wäre, wenn Gott beschließt: Es reicht! Und tschüss!
Eine gottlose Welt. Eine Horrorvorstellung. Was wäre das für eine Welt? Ich hätte sofort ein großes Gefühl der Unsicherheit. Tür hinter mir zu und feste abschließen. Das was zum Festhalten bliebe, wäre meine Familie, Menschen, Freunde. Aber mein Glaube hätte keinen Halt mehr. Meine Gebete würden ins Nichts verhallen. Ich hätte irgendwie das Gefühl, nichts zu sein.
Manchmal merkt an erst, wie wertvoll etwas war, wenn es nicht mehr da ist. Es erschaudert mich bei dem Gedanken, dass Gott weg sein sollte. Es wäre wie ein realer Alptraum. Wie gut, dass Gott doch da ist. Wie gut, dass Gott unsere ganzen Schwachsinnigkeiten nicht durch Abwesenheit betraft. Und noch besser, dass er uns trotz allem nicht nur da ist, sondern schlicht auch liebt. Das ist und bleibt ein Wunder. Und dies gibt mir die Festigkeit zu stehen in keiner manchmal so wackeligen Welt.
Guter Vater!
Du bist da. Danke. Amen.
Ohne Gott?
Wir saßen während der schwersten Hungerzeit – irgendwann im Jahr 1946 – am Familientisch. Meine Schwester hatte auf einem Speicher, auf dem man Mehl gelagert hatte, Reste zusammenfegen dürfen. Leider hatte dort vorher irgendein Sand gelegen. Es gab eine Art Brei, in dem auch die üppigen Kartoffelschalen aus dem Mülleimer des Nachbarhauses, einem Offizierskasino der englischen Besatzung, Verwendung gefunden hatten. Mein älterer Bruder fragte: „Könnte ich bitte noch etwas von dem Sanderol bekommen? Oder nennt man das Gericht Knirschon?“ Alle lachten, aber es war nichts mehr da. Wir waren Vater, Mutter und sechs Kinder, und es reichte nie. Und so sagte mein Vater eines Tages: „Wenn es Gottes Wille ist, dass wir verhungern, dann müssen wir eben auch das im Gehorsam hinnehmen. Darauf meine Mutter: „Das kannst Du ja machen; ich werde jedenfalls bis zum Letzten dafür kämpfen, dass wir überleben!“
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