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Tageslosung 6.10.2026

© Jens Bielinski-Gärtner
Bei dir suche ich Zuflucht, enttäusche mich nicht!
Psalm 25,20

Enttäuschungen tun doppelt weh. Wenn man enttäuscht ist, dann bedeutet dies, dass jemand anderes sich ganz anders verhalten hat als wir es von ihm oder ihr erwartet haben. Aber zugleich bedeutet es auch, dass wir uns selber getäuscht haben. Es geht nicht nur um das Fehlverhalten anderer, sondern auch um eine eigene falsche Einschätzung. Und beides gemeinsam tut doppelt weh.

Dabei sind die Enttäuschungen dann besonders schlimm, wenn wir jemandem wirklich vertraut haben, uns auf ihn verlassen haben, auf ihn oder sie gebaut haben. Wenn der Tankrabat nicht ganz weitergegeben wird, dann enttäuscht uns dies nur mäßig, denn wir sind die maßlose Gier der Ölkonzerne schon gewohnt. Das macht es beileibe nicht besser, aber es enttäuscht uns nicht so sehr.

Aber wenn es um ganz persönliche Beziehungen geht, dann sind wir empfindlich und verletzlich. Die eigene Familie, die Partnerin, der Partner, die eigenen Kinder – alles dies sind Menschen, zu denen wir normalerweise ein enges Verhältnis haben. Hier enttäuscht zu werden, ist besonders schlimm. Ich erinnere mich an eine Frau, die ich drei Monate nach der kirchlichen Trauung traf. Es war ein intensives Traugespräch gewesen, bei dem sie sich beklagt hatte, dass ihr Mannn so viel Überstunden machte. Als ich sie traf, sagte sie bitter: „Wir sind schon wieder getrennt, die Überstunden hießen Claudia.“

Um so wichtiger ist es, dass wir Beziehungen haben, auf die wir uns blind und immer verlassen können – an denen wir uns in den Stürmen unseres Lebens festhalten können. Gott sagt: „Ich enttäusche dich nie! Egal, was kommt, ich bin immer für dich da. Du kannst dich auf mich verlassen.“

Guter Vater!

Danke, dass du der Haltepunkt meines Lebens bist. Amen.

 

Ein Spiel mit Gefühl

„Halte die schönen Stunden in Erinnerung, sie sind Labsal für den Alltag!", tröstet der Vater seine Tochter, der ihren Abschiedsschmerz versteht. Liebevoll fahrt er ihr dabei übers Haar.

Nach einer Pause meint er: „Ich erkundige mich noch einmal nach den Abfahrtszeiten. Pass auf die Koffer auf!" Sophia zieht das Gepäck zu sich heran. Dabei schaut sie auf den großen Strohhut, die Trachtenpuppe und das Bändchen an ihrem Arm. Ein Schmuck aus billigen bunten Glasperlen, der ihr aber sehr viel bedeutet.

Als sie vor zwei Wochen zum Strand eilte, stand er da mit seinem großen Strohhut, den braunen Augen und dem unwiderstehlichen Lächeln. „Komm, guck!", bat er und zeigte auf seine Auslage, die er im Arm hielt.

Sophia blieb stehen, betrachtete das Angebot, von dem ein Stück kitschiger war als das andere. Der Verkäufer aber stellte mit größter Selbstverständlichkeit sein kleines Brettchen auf den Boden und griff nach einem Freundschaftsband. „Ich bin Elias", stellte er sich vor, lächelte und fragte: „Wie heißt du?" „Sophia."

„Sophia!", wiederholte Elias. Er nahm ihre Hand, legte behutsam das Bändchen um ihren Arm. Eine Weile schaute er abwechselnd in Sophias Gesicht und auf ihr Handgelenk. Dann meinte er: „Es gehört zu dir wie die aufgehende Sonne zum Morgen, wie die funkelnden Sterne zur Nacht. Behalte es. Ich schenke es dir!"

Für Sophia begann eine schöne Zeit, mit Spaziergängen am Strand, mit der Suche von Muscheln, dem Toben im Meer, aber auch mit Barbecue-Abenden, Bootsfahrten und Gitarrenspiel, vor allem aber mit Lachen und Liebe.

Sophia schaut also auf dieses Band, als ihr Vater zurückkehrt. „Es ist ärgerlich. Wir müssen hier noch mehr als eine Stunde warten", brummt er, „der Abflug ist verschoben worden." Seine Tochter lächelt selig.

„Schön", denkt sie und sagt, „ich gehe noch einmal zum Meer." Hastig verschwindet sie. Als sie die kleine Treppe hinuntereilt, die die Hotelanlage vom Sandstrand trennt, sieht sie Elias, der ihr den Rücken zudreht. Er steht dort wieder mit seinem Ver­kaufsbrett und dem Sammelsurium aus Kitsch und Nippes. Sie bleibt stehen und beobachtet, wie er einem Mädchen ein Freundschaftsbändchen umlegt. Sie hört ihn sagen: „Es gehört zu dir wie die aufgehende Sonne zum Morgen, wie die funkeln­den Sterne zur Nacht." Sophia dreht sich um - abflugbereit.

Info

Veröffentlicht am5. Oktober 2026

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Autor:in

Presbyteriumseinführung 2024

Pfarrer Dirk Thamm

Ev. Kirchengemeinde Neuss-Süd

02131 470134

dirk.thamm@ekir.de

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