Der HERR macht die Blinden sehend.
Psalm 146,8
Es ist ein Lobpsalm, den der Psalmbeter hier singt. Er lobt Gott für dessen gute Taten: Er beschützt Waisen und Witwen, befreit Gefangene, verhilft zu Recht, sättigt die Hungrigen. Und er macht Blinde wieder sehend.
Letzteres halte ich auch heute für wirklich wichtig. Denn es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten und Weisen, blind zu sein. Erst vor Kurzem sprach ich mit einer jungen Frau, die sich selber fragte: „Wie konnte ich so lange blind sein und nicht merken, dass diese Partnerschaft mich einfach nur fertig macht.“ Aber schließlich gab sie sich im Gespräch selber eine Antwort. „Ich glaube, ich wollte es mir einfach selber nicht eingestehen.“
Ja, es fällt schwer, sich selbst einzugestehen, dass man einer Illusion aufgesessen ist oder sich vertan hat, einen anderen Menschen oder sich selbst falsch eingeschätzt hat. Manchmal weigern wir uns dann, der Realität ins Auge zu schauen. Stattdessen setzen wir uns Scheuklappen auf und das Motto heißt: „Augen zu und durch!“ Und gerade dies ist auch eine Form von Blindheit.
Was hilft? Mir helfen da Gespräche mit Menschen, die mir nahe sind, Freunde und Familie. Solche Menschen, bei denen ich auch eine ehrliche Meinung erwarte und bei denen ich meine Schwächen nicht kaschieren muss.
Und manchmal hilft einfach auch ein Gebet: „Hilf mir, den richtigen Weg zu sehen.“ Gott antwortet dann meist auf seine ihm ganz eigene Weise. Doch meine Erfahrung zeigt, er hilft wirklich. Auf einmal merke ich Dinge, die ich vorher nicht gesehen habe. Auf einmal erscheinen mir auch schwierige Konsequenzen als überwindbar. Auf einmal bekomme ich Ideen von anderen Menschen, die weiterhelfen. Zum Glück muss niemand immer alleine klug sein. Denn das würde wirklich über unsere Kraft gehen.
Guter Vater!
Bitte zeige mir gute Wege für mein Leben. Amen.
Blind sein, sehen lernen
Jonas war von Geburt an blind. Er kannte die Welt durch Geräusche, Gerüche und Berührungen. Das Rascheln der Blätter verriet ihm den Wind, und am Klang der Schritte erkannte er seine Freunde.
Eines Tages fragte ihn seine kleine Schwester: „Findest du es nicht traurig, nichts sehen zu können?“
Jonas dachte einen Moment nach. „Ich weiß nicht“, antwortete er. „Ich habe ja nie gesehen.“
Einige Jahre später bekam Jonas die Möglichkeit, durch eine Operation sein Augenlicht zu erhalten. Nach langer Überlegung entschied er sich dafür.
Als die Verbände entfernt wurden, war er aufgeregt. Zum ersten Mal öffnete er die Augen. Helles Licht blendete ihn. Alles war verschwommen. Er hatte geglaubt, die Welt sofort zu verstehen. Doch das tat er nicht.
Die Menschen, die er kannte, erkannte er nicht. Formen, Farben und Entfernungen bedeuteten ihm zunächst nichts. Er musste lernen, mit den Augen zu sehen.
Wochen vergingen. Jeden Tag verstand er ein wenig mehr. Er lernte, einen Baum von einem Haus zu unterscheiden und das Gesicht seiner Schwester zu erkennen.
Eines Abends saßen sie gemeinsam auf einer Bank und betrachteten den Sonnenuntergang.
„Jetzt kannst du endlich sehen“, sagte seine Schwester.
Jonas lächelte. „Ja“, antwortete er. „Aber weißt du, was ich gelernt habe? Sehen bedeutet nicht nur, die Augen zu öffnen. Man muss auch lernen, wahrzunehmen.“
Seine Schwester nickte.
Und während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, wusste Jonas: Wirklich sehen konnte man nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen.