Niemand, der zu mir kommt, wird von mir abgewiesen.
Johannes 6,37
Ich erinnere mich an meine Zeit als junger Vikar. Da gehörte zur Ausbildung im Predigerseminar eine Zeit der Krankenhausseelsorge. Margarete Haarbeck war eine Seelsorgerin im Krankenhaus in Mühlheim und nahm uns junge Menschen unter ihre Fittiche. Ich weiß noch mit wie viel Herzklopfen und Muffensausen ich vor den Krankenzimmern stand. Viele Gedanken gingen durch den Kopf: „Was ist, wenn sie mich nicht mögen?“ „Was soll ich nur sagen?“ „Was ist, wenn sie mich ablehnen?“ Meine Sorgen und Ängste waren riesig. Und dann kamen doch gute Gespräche zustande, weil die PatientInnen dankbar über Besuch waren.
Abgelehnt zu werden gehört wohl zu den Ängsten, die wir alle gut kennen. Abgelehnt zu werden, abgewiesen zu werden bedeutet immer auch eine Enttäuschung und eine Abwertung. Beides tut weh. Beides schmerzt. Und manchmal führt es sogar dazu, dass wir uns gar nicht mehr trauen, uns zu anderen Menschen aufzumachen. Dann verschließen sich Menschen und bleiben in ihrer Blase der Einsamkeit.
Jesus gibt ein Versprechen: Keiner wird bei mir abgewiesen. Jede und jeder kann kommen und ist mir von Herzen willkommen. Und tatsächlich lebt Jesus auch so. Viele verschiedene Menschen suchen ihn auf: Menschen aus Israel und aus anderen Völkern, Juden und Heiden, Männer und Frauen. Sie wollen mit ihm reden, ihn bitten, geheilt werden. Niemanden weist er ab. Jeder und jedem hört er aufmerksam zu und fragt ihn oder sie, womit er helfen könne. Und so macht er auch Dir, mir und Ihnen Mut: Komm doch zu mir, wenn dich etwas bewegt, wenn du Hilfe brauchst, wenn dir die Kraft fehlt. Keine Angst, du bist bei mir willkommen.
Guter Vater!
Danke für die offenen Arme deines Sohnes. Amen.
Ein Korb Ostereier
„Wenn du Lust hast“, sagte mein Freund zu mir, „dann begleite mich doch ein Stück.“ Ich tat ihm den Gefallen. Wir fuhren ungefähr 50 km vor die Stadt in ein großes, reiches Dorf. Vor einem großen Bauernhof hielten wir an. Es dauerte eine kurze Zeit, bis der Bauer ihn empfing.
„Sie werden sich an mich nicht mehr erinnern“, sagte mein Freund zu ihm. „Am Ostersonntag vor wie viel Jahren kam ich in meiner größten Not zu ihnen und bat sie um ein Stück Brot.“
„Damals kamen viele“, sagte der Bauer.
„Eben. Aber sie hatten ein Herz für mich. Sie gaben mir Brot und noch zwei rote Ostereier dazu. Das vergesse ich nie. Ich war damals am Ende meiner Kraft.“ „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber es ist möglich“, sagte der Bauer. Er war ein wenig beschämt und glücklich zugleich.
„Es ist schon so lange her...“ Mein Freund nickte: „Damals hatte ich mir vorgenommen, es ihnen eines Tages zu vergelten. Heute geht es mir wieder gut. Darum schenke ich ihnen diesen Korb mit roten Ostereiern und einen Osterschinken dazu. Diese Gaben sollen Zeichen meines Dankes sein.“
Der Bauer war so überrascht und beschämt, dass er nichts mehr sagen konnte. Wir fuhren weiter. Im zweiten Haus empfing uns die Frau. Am Ostersonntag vor wie viel Jahren?“ fragte sie. „Nein, ich erinnere mich wirklich nicht. - Es war damals eine harte Zeit.“
„Aber sie hatten ein gutes Herz“, sagte mein Freund, „sie schenkten mir zwei rote Ostereier und ein großes Stück Brot. Heute bin ich gekommen, um ihnen zu danken. Dieser Korb mit roten Eiern soll ein Zeichen meines Dankes sein.“ „Sie beschämen mich“, sagte die Frau und begann zu weinen.
In den nächsten Häusern ging es auch so. Als wir am siebten Haus hielten, sagte ich verwundert zu meinem Freund: „Dir muss es damals aber gut gegangen sein, wenn du überall am Ostersonntag zwei rote Ostereier und hier ein Stück Speck, dort einen Kuchen, ein Stück Brot oder Wurst bekommen hast.“ Ich sah noch ganz viele Körbe mit roten Ostereiern in seinem Wagen. Wir waren also noch nicht am Ende. Mein Freund hielt den Wagen an und sagte:
„Es ging mir damals nicht besser als den anderen. Überall, wo ich in meiner Not anklopfte, wurde ich hart und unfreundlich abgewiesen. Überall rannte ich gegen Mauern. Ich habe mir die zwei roten Ostereier überall gewünscht, aber ich habe kein einziges bekommen, erst recht nicht ein Stück Brot, Käse oder Schinken.“
„Überall dort, wo wir heute waren, bist du abgewiesen worden?“ fragte ich ihn. „Genau in diesen Häusern. Genau von denselben Menschen.“ „Warum bringst du ihnen dann einen Korb mit roten Ostereiern und ein anderes Geschenk? Warum bedankst du dich bei denen, die dir nicht halfen?“
Mein Freund lächelte leise. Er antwortete: „Wir feiern Ostern. Da müssen doch Mauern durchbrochen werden. Wer mit Jesus aufersteht zu einem neuen Leben, der liebt, der liebt auch seine Feinde, der tut Gutes auch denen, die ihn enttäuscht haben. Natürlich wissen die Leute noch, wie hart und abweisend sie damals waren.
Deshalb waren ja auch alle so verlegen und beschämt. Aber wenn einer versucht, durch ein Zeichen der Liebe und Vergebung die harte Mauer zu durchbrechen, vielleicht tun sie dann heute oder morgen wirklich einmal etwas Gutes und helfen einem Menschen, der es nötig hat. Ist das nicht einen Korb Ostereier wert?“
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