Entschieden das Rechte tun führt zum Leben, beharrlich Unrecht tun führt zum Tod.
Sprüche 11,19
Das Buch der Sprüche ist eine wundervolle Aneinanderreihung von Lebensweisheiten und klugen Sprüchen. Manche sind geeignet, uns zum Schmunzeln zu bringen. Manche aber sind auch nach vielen Jahrhunderten immer noch voll gültig und damit immer noch weise. Unsere Tageslosung gehört zur letzteren Kategorie.
Ich glaube, dass die Tageslosung auch heute noch stimmt und zwar auch in zweifacher Hinsicht.
Jemand der immer Unrecht tut, der oder die verdunkelt das eigene Leben. Zwar können meiner Meinung nach viele so tun als würde ihr begangenes Unrecht sie nicht selbst berühren. Und doch glaube ich, dass die eigene Seele bei jedem selbst begangenen Unrecht Schaden nimmt. Vielleicht kann man ihn zuerst gar nicht sehen. Aber ich denke, auf Dauer wird die Seele verletzt.
Und auch in anderer Hinsicht stimmt der Satz. Auch erlittenes Unrecht führt zum Tod. Denn auch die Seele der- oder desjenigen, die Unrecht erleiden nimmt Schaden. Und auch hier wird die Seele auf Dauer verletzt.
Und manchmal trötet Unrecht ganz konkret. Das erleben wir gerade sehr deutlich im Iran und in der Ukraine. Zwei Kriege, die schlicht völkerrechtswidrig begonnen wurden. Zweimal Unrecht. Und es sterben Hunderttausende durch das Unrecht, das von alten machtgierigen Männern angezettelt wurde.
Wer dagegen versucht, nach dem Recht zu handeln, der oder die verletzt niemanden. Da nimmt weder die eigene noch die fremde Seele Schaden. Also sollte doch unser Tun schon jetzt dadurch bestimmt sein.
Guter Vater!
Bitte hilf mir, nicht mich selbst oder andere zu verletzen. Amen.
Versetzung
„Nicht versetzt!", brummt Heiko mürrisch und wirft das Zeugnis auf den Schreibtisch. „Aber das wird mir der alte Kauz büßen. Mit etwas gutem Willen hätte er mir auch eine Vier geben können und ich wäre in die nächste Klasse gekommen." Heiko schlägt den Ordner, in den er das Zeugnis gelegt hat, laut fluchend zu und schwört, sich zu rächen. In den Ferien kauft er einen kleinen Stofftiger, ein niedliches Tierchen. In der ersten Schulwoche wartet er auf dem unteren Flur vor der zehnten Klasse. Als Mandana, die Tochter von Oberstudienrat Kautzer, den Heiko immer nur Kauz nennt, den Klassenraum verlässt, rennt er los. Unsanft rempelt er Mandana an.
„Entschuldigung", sagt er, als die Schulsachen zu Boden fallen, „es tut nur leid." Er bückt sich und hebt die Hefte auf. „Entschuldigung", wiederholt er, dann greift er in seine Jackentasche und zieht den kleinen Tiger heraus. Er drückt ihn Mandana in die Hand und meint lächelnd: „Eine winzige Wiedergutmachung!"
Mandana wehrt ab: „Es ist doch nichts passiert." „Behalte ihn!", bittet Heiko, dreht sich schnell um und verschwindet. Am nächsten Tag treffen sich die beiden wieder, diesmal auf dem Schulhof.
„Hallo", sagt Heiko, „lebt der Tiger noch?" Mandana nickt. „Hoffentlich lässt du ihn nicht verhungern?", lacht er und begibt sich in seine Klasse.
Die kleinen Treffen häufen sich. Heiko hat immer ein paar freundliche Worte parat. Nach einiger Zeit fragt er: „Hättest du Lust, dir die neue CD von den Chees anzuhören?" „Warum nicht!", antwortet Mandana.
„Dann komme ich heute Nachmittag zu dir und bringe sie mit", schlägt Heiko vor und Mandana stimmt zu. Er weiß, dass jeden Freitagnachmittag Mandanas Vater im Kirchenchor probt und ihre Mutter in der Stadt einkauft. Nachdem die Eltern gegangen sind, findet er sich ein. Lässig schlendert er die Auffahrt hinauf, kommt zu der stattlichen Villa, die Kautzers sich vor ein paar Jahren gebaut haben. Als er schellt, öffnet Mandana. Sie führt ihn in ihr Zimmer. Über ihrem Bett hat der Tiger seinen Platz gefunden. Eine Weile plaudern sie über dies und das. Das Auflegen der Musik verzögert Heiko geschickt. Erst gegen fünf Uhr spielt er die CD ab.
„Du erlebst die Musik nur richtig über den Kopfhörer", meint Heiko und besteht darauf, dass Mandana ihn aufsetzt. Einige Zeit später hört er ein Auto, das die Auffahrt hinauffährt. Er gibt Mandana zu verstehen, dass er zur Toilette gehen will. Sie erklärt ihm, dass sich die Besuchertoilette neben der Haustür befindet. Als Heiko ihr Zimmer verlassen hat, öffnet er den Reißverschluss der Hose und zieht das Hemd heraus. Oberstudienrat Kautzer betritt sein Haus. Heiko kommt ihm entgegen.
„Was machen Sie denn hier?", fragt Kautzer überrascht. Heiko steckt sich langsam das Hemd in die Hose und zieht mit einem Ruck den Reißverschluss hoch.
„Was soll ich schon machen?", brummt er, „was macht man mit einer solch heißen Braut, ha?"
Kautzer wird rot vor Zorn, gerät außer sich. Er holt aus zur Ohrfeige, die Heiko bereitwillig einsteckt. Vom Schlag getroffen, fällt er theatralisch zu Boden. Mit der Ecke einer Rasierklinge, die die ganze Zeit unter der Uhr versteckt war, fährt er sich über die Stirn. Blut läuft ihm über das Gesicht. Viel Blut, dafür hat Heiko gesorgt. Er reibt es sich über die Wangen, in die Haare und auf die Kleidung. Dann fängt er an zu schreien. Frau Kautzer stürzt ins Haus, Mandana aus dem Zimmer. Sie sehen Heiko blutverschmiert auf den Knien rutschen. „Ruf den Krankenwagen!", schreit er. Mandana rennt zum Telefon.
„Was ist passiert?", fragt sie, als sie zurückkommt. Heiko antwortet nicht. Er wankt zur Haustür, die Auffahrt hinunter. Minuten später wird er abtransportiert.
Am nächsten Tag heißt es in der Zeitung: „Lehrer prügelt Schüler krankenhausreif. Jetzt befassen sich die Behörden mit diesem Vorfall!" Oberstudienrat Kautzer wird wenige Tage später versetzt!