Pflüget ein Neues und säet nicht unter die Dornen!
Jeremia 4,3
Die Menschen von Israel sollen mit Gott ganz neu anfangen. Nachdem sie sich von Gott abgewandt hatten, sollen sie nun etwas ganz Neues mit Gott beginnen und nicht so tun als sei das Alte noch völlig in Ordnung.
Etwas Neues wagen, sich von Altem verabschieden – das ist einfacher gesagt als getan. Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir halten gerne an Bewährtem fest und lassen uns ungern auf etwas Neues ein. Und dies gilt für ganz viele Bereiche unseres Lebens. Viele sind mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden. Dennoch versuchen sie noch nicht einmal, daran etwas zu verändern. Viele Beziehungen, Ehen und Partnerschaften belasten Menschen zutiefst. Und dennoch bleiben sie, weil ihnen der Mut fehlt, etwas Neues zu wagen. Die Angst vor dem Alleinsein ist dann einfach größer. Eine Beziehung gibt man nicht leichtfertig auf. Aber es kann auch nicht im Sinne Gottes sein, jahrelang unglücklich zu leben.
Heute werden wir ermutigt, genau auf unser Leben zu schauen. Womit bin ich zufrieden? Womit bin ich unzufrieden? Was möchte ich verändern? Was kann ich verändern? Was kann ich nicht verändern? Gott sagt: Ich unterstütze dich dabei, wenn du dich auf neue Wege begibst. Ich bin an deiner Seite und werde dir die Kraft geben, die du dafür brauchst.
Wenn wir gerade dabei sind, kritisch auf unser Leben und unsere Lebensstrukturen zu blicken, dann wäre es gut, wenn wir dabei auch unsere Beziehung zu Gott in den Blick nehmen. Sind wir mit unserer Beziehung zu Gott eigentlich zufrieden? Oder würden wir uns die Beziehung zu Gott intensiver und lebendiger wünschen? Wenn wir zu letzterem Entschluss kommen, dann steht dem nichts im Wege es zu verändern. Ich glaube fest, dass Gott gerne unsere Suche nach einem lebendigeren Verhältnis zu ihm unterstützt. Also, haben wir ruhig Mut zu einer inneren Inventur. Wir können dabei nur gewinnen.
Guter Vater!
Gib mir den Mut, genau auf unser Leben zu blicken.
Der Laubbaum
Mitten im Wald stand einmal ein kleiner Laubbaum. Obwohl der Herbst längst vergangen war und der Winter Einzug gehalten hatte, lag noch kein einziges seiner Blätter am Boden. Alle anderen Bäume hatten ihre Kronen inzwischen entblößt, doch dieser Baum klammerte sich an jedes welke Blatt, das an seinen Zweigen hing. Er hatte Angst vor dem Moment, in dem er ohne die schützende Hülle seiner Blätter im eisigen Wind stehen würde. Jedes Mal, wenn ein Blatt zu fallen drohte, verspürte er einen Stich, als würde er einen Teil seiner selbst verlieren. Die Zeit verging und der Baum spürte, dass ihn das Festhalten immer mehr Kraft kostete. Der Winter schritt voran und seine Äste wirkten schwer und müde, überladen von der Last, die er nicht loslassen konnte.
Die Blätter waren längst nicht mehr grün und lebendig, sondern braun, brüchig und völlig kraftlos. Dennoch wollte der Baum sie nicht aufgeben, weil sie ihn an die lebendigen Tage des Sommers erinnerten. Es war, als hätte er Angst, ohne sie nicht mehr derselbe zu sein. Der Frost legte sich über die Landschaft und die Wurzeln des Baumes hatten immer mehr Mühe, Nährstoffe aufzunehmen, da seine Kräfte in den veralteten Blättern feststeckten. Andere Bäume standen still da, scheinbar friedlich in ihrer kargen Gestalt, bereit, die Ruhe des Winters zu akzeptieren.
Der Baum bemerkte, dass die eisigen Winde seine Äste trotz Blätterkleid immer stärker schwächten. Seine Rinde bekam feine Risse, und die einst stolze Haltung begann, sich unter der Last zu beugen. Der Baum fragte sich, warum es ihm bloß so schwerfiel, loszulassen, obwohl der Kreislauf der Natur es doch so deutlich vormachte. Jeder Tag, an dem er zögerte, machte den Weg zu einem Neuanfang schwerer.
Eines Tages war der Baum so erschöpft, dass ein einziger weiterer Windstoß genügte, um das erste der welken Blätter von seinem Ast zu lösen. Es fiel einfach zu Boden. Er hielt für einen Augenblick inne, horchte ängstlich in sich hinein. Zu seiner Überraschung fühlte er sich plötzlich… irgendwie leichter. Wie konnte das sein? War das Loslassen und der Verlust der Schutzhülle etwa gar keine Schwäche, sondern eine Notwendigkeit? Schnee bedeckte das Land und sein gefallenes Blatt verschwand unter der weißen Decke. Der Baum dachte kurz nach, nahm dann all seinen Mut zusammen und überließ immer mehr Blätter der Schwerkraft. Mit jedem, das fiel, fühlte er sich ein wenig freier. Der Baum begann zu ahnen, dass die Fähigkeit, Platz für einen Neuanfang zu schaffen, ihm ganz neue Perspektiven eröffnete.
Nun stand der kleine Laubbaum blattlos in der kargen Landschaft. Doch anstelle der erwarteten Schwäche spürte er eine neue Ruhe, eine Kraft, die tief in ihm wuchs. Seine Wurzeln konnten nun die Nahrung aus der Erde aufnehmen, ohne von der Last der vergangenen Blätter behindert zu werden. Die kahlen Äste streckten sich dem Himmel entgegen, bereit, das Licht des kommenden Frühlings aufzunehmen. Dieser Neuanfang war aus seiner eigenen Entscheidung heraus erwachsen, Altes endlich gehenzulassen. Und dafür war es offenbar nie zu spät.
Als die ersten warmen Sonnenstrahlen den Wald berührten, fühlte der kleine Laubbaum Bewegung in seinen Ästen. Winzige Knospen sprossen und Energie durchströmte ihn. Die alten Blätter, die einst sein Stolz gewesen waren, waren nun vergessen, und er freute sich über die frische Lebenskraft. Der Neuanfang war nicht plötzlich gekommen. Er wurde ihm auch nicht von außen aufgezwungen, sondern hatte in dem Moment begonnen, als er sich entschloss, die Vergangenheit loszulassen. Er fühlte sich stark und seine Blätter wurden grüner und lebendiger als je zuvor. Der Kreislauf des Lebens hatte ihm gezeigt, dass ein Neuanfang zwar immer mit dem Mut zur Veränderung verbunden ist, aber jederzeit in seiner eigenen Entscheidung liegt.
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