Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen.
Joel 3,1
Letztens entwickelte sich ein hochtheologisches Gespräch in der vierten Klasse. „Wenn es Gott immer schon gab, gab es dann Jesus als seinen Sohn erst später?“ Meine Antwort: „Darüber haben sich ganze Kirchen zerstritten.“ Zweite Frage: „Wenn Jesus auferstanden ist, dann ist er ja jetzt nicht mehr auf der Erde. Handelt dann Gott hier gar nicht mehr?“ Meine Antwort: „Doch, Gott handelt hier noch auf der Erde. Er macht das auf ganz unterschiedliche Weise. Mal handelt er durch andere Menschen, mal schickt er seinen Geist.“ Ganz zufrieden waren die Schüler mit der Antwort nicht.
Und doch feiern wir jedes Jahr Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes. Wir denken daran, dass Gott auch nach dem Tod und der Auferstehung Jesu die Menschen begleitet. Wir erinnern uns das Pfingstwunder. Und in jedem Gottesdienst bitten wir Gott darum, dass er mitten unter uns ist. Und so heißt es „Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Ich bin davon überzeugt, dass Gott seinen Geist auch heute noch ausgießt, wie der Prophet Joel dies beschreibt. Auch heute noch sind Menschen begeistert, fasziniert, angeregt, überwältigt, beseelt. Auch heute noch werden Menschen zu Gläubigen, weil der Geist Gottes sie erreicht hat. Auch heute noch spendet Gottes Geist Gemeinschaft, führt Menschen zusammen. Und er hat die Fähigkeit Menschen wieder lebendig zu machen, die innerlich schon so gut wie aufgegeben hatten. Er führt zu einem anderen Leben.
Der Geist aber weht wo er will. Manchmal auch dort, wo wir ihn gar nicht vermuten. Er ist völlig frei, ungebunden.
Guter Vater!
Erleuchte und bewege auch mich. Amen.
In fremden Zungen reden (Margarete Kubelka)
Als Jörg Bongert am Pfingstsonntag aus der Kirche kam, dachte er noch ein wenig über das Pfingst-Evangelium nach, die Worte von den Aposteln, die plötzlich in fremden Zungen sprechen konnten, um die Botschaft der Liebe an alle Menschen weiterzugeben.
Eigentlich ein wenig schade, dachte er, dass heutzutage keine Wunder mehr geschahen und die Menschen plötzlich in fremden Sprachen reden, denken und sich verständigen konnten. Er begegnete so oft Leuten, deren Sprache er nicht verstand: Gastarbeitern, ausländischen Touristen, Studenten aus dem schwarzen Erdteil, Vietnamesen, die das Schicksal ihres Landes hierhergetrieben hatte. Oft hatte er das Bedürfnis, einen von ihnen anzusprechen, sie aus ihrer Isolierung herauszuholen, aber da war die Barriere der Sprache, und er ging wortlos vorüber.
Eigentlich hatte Jörg unmittelbar nach dem Kirchgang nach Hause gehen wollen, aber die Sonne schien so hell, die Vögel zwitscherten in den Bäumen, in den Gärten blühten Blumen, und die Sträucher am Wegrand waren mit vielen winzig kleinen weißen Blüten geschmückt. Er beschloss, noch ein wenig durch die Straßen des Städtchens zu schlendern und die warme und bunte Kulisse eines strahlenden Pfingsttags auf sich wirken zu lassen. Auf einem Spielplatz spielten Kinder mit Murmeln, jenen kleinen bunten Tonkugeln, deren Besitz auch für Jörg vor langer Zeit ein Stück Kinderglück bedeutet hatte. Und mit einem Mal überkam ihn das starke Verlangen, noch einmal solch ein Kügelchen in das dafür bestimmte Erdloch zu schieben. Er tippte einem schwarzhaarigen Jungen auf die Schulter und bat: „Lass mich auch mal spielen."
Ein Bücken, ein Fingerschnippen, er konnte es noch immer, die Kugel rollte ins Loch. „Klasse", sagte der Junge, „jetzt gehört der Klicker Ihnen."
Jörg steckte die Murmel in die Hosentasche und holte dabei ein blankes Markstück hervor. „Kauf dir ein Eis", sagte er zu dem Jungen und ging fröhlich weiter.
Vor einer Haustür saß eine alte Frau, war mit ihrem Strickzeug beschäftigt und sonnte sich. „Guten Tag", sagte Jörg fröhlich. „Immer fleißig!" „Ja", antwortete die Frau nicht ohne Stolz, „das kann ich noch. Ich stricke eine Jacke für meinen Enkel. Blau und rot, das sind seine Lieblingsfarben." Auf einem Mäuerchen hatte sich eine Katze zusammengerollt und schien zu schlafen. Es war eine gewöhnliche Hauskatze, schwarzweiß, aber sie hatte ein blitzsauberes, weiches Fell und der Spaziergänger rief: „Miez, Miez!" Sie sprang mit einem anmutigen Satz herunter und schmiegte sich zärtlich an die Beine des Mannes. Irgendwie tat Jörg das wohl, und er begann leise ein Lied zu pfeifen.
Er war an den Stadtrand gelangt, die Häuser wurden nun kleiner und die Gärten größer. Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen bildeten einen bunten Teppich vor den Häusern und ein wenig abseits davon blühten Päonien und Jungfer im Grünen. Eine schöne Welt, dachte Jörg, ein wundervoller Tag. Das musste wohl auch der schwarzhaarige Gastarbeiter denken, der mit ihm zugleich vor einem Gartengrundstück stehengeblieben war und die blühende Pracht bewunderte.
„Bello", sagte Jörg und machte mit der Hand eine kreisende Bewegung, als wolle er den Garten dem anderen Mann zum Geschenk machen. ,Bello' war das einzige italienische Wort, das er kannte, und ihm fiel ein, daß der Mann vielleicht gar kein Italiener war, sondern ein Türke oder Grieche, wer konnte es wissen? Aber der sagte auch ,Bello' und nochmals ,Bello' und zeigte seine weißen, blitzenden Zähne. Sie waren sich einig. Ein wild knatterndes Motorrad bog in mörderischem Tempo um die Ecke, und Jörg erschrak so, daß er ins Stolpern geriet und beinahe über einen Bordstein gestürzt wäre. „Tut mir leid, Opa", brüllte der junge Mann hinter ihm her und verschwand in einer Wolke von Lärm und Gestank. Jörg musste über den Opa lachen, denn er war vor vier Wochen gerade 36 Jahre geworden, und er schickte das Lachen versöhnlich in die Richtung, in der der rasante Opa-Rufer verschwunden war.
Weniger laut und schnell war die große Schnecke, die ihr Häuschen sorglos über die Fahrbahn trug, und Jörg bangte an ihrer Stelle um ihre sichere Ankunft auf der Gegenseite, die von Fahrzeugen aller Art gefährdet war. Er bückte sich, hob sie vorsichtig auf und trug sie hinüber. „Guten Weg", sagte er und hoffte, daß ihn die Schnecke auf ihre Weise verstehen würde. Als er etwas verspätet, aber glücklich zu Hause eintraf, fiel ihm wieder ein, wie sehr er es nach dem Gottesdienst bedauert hatte, nicht in fremden
Zungen reden zu können. Aber hatte er das nicht im Grunde eine ganze Stunde lang getan? Hatte er nicht mit einer alten Frau, mit murmelspielenden Kindern, einem Italiener, einem verrückten Motorradfahrer, ja sogar mit einer Katze und einer Schnecke gesprochen und alle, alle hatten ihn verstanden. Er hatte Freundliches zu ihnen sagen wollen, fremden Menschen und Kreaturen, die ihre eigene Sprache hatten, die ihm nicht vertraut, aber im rechten Augenblick verfügbar war. Es war sein eigenes, ganz persönliches Pfingstwunder, das ihm begegnet war, und er war voll Zuversicht, dass es sich wiederholen würde, wenn er nur guten Willens war.
Es gibt eine Seite mit den alten Losungsandachten:
https://evangelisch-neuss-sued.de/gottesdienste/beten-zuhause