Sprich, HERR, dein Diener hört!
1. Samuel 3,9
Einen überraschenden Weckruf erhielt der junge Samuel, den seine Eltern zur Unterweisung in die Hände des alten Priesters Eli gegeben hatten. Als er eine Stimme hört nimmt der Junge an, dass ihn der Priester aus dem Schlaf geweckt und gerufen hat. Doch der schickt ihn auf sein nächtliches Lager zurück. Als sich das Ganze aber wiederholt, wird dem alten Priester klar, dass es Gott selbst sein musste, der den jungen Samuel gerufen hat. Darum gibt er ihm den Rat, sollte er das nächste Mal die Stimme hören, darauf mit den Worten „Rede Herr, denn dein Knecht hört!“ zu antworten. Und dann hört er Gottes Botschaft für ihn.
Tja, mit dem Hören ist das heute so ein Problem. In der Schule merken wir Lehrenden, dass es den Kindern immer schwerer fällt, zuzuhören. Aber auch insgesamt nimmt die Bereitschaft ab, dem anderen zuzuhören. Man dreht sich eher um sich selber. Da werden Institutionen wie die Telefonseelsorge oder die Internetseelsorge immer wichtiger.
Dabei ist das Hören lebenswichtig für uns Menschen. Das Hören warnt uns zum Beispiel vor gefährlichen Situationen. Sirenen z.B. verkünden eine sehr durchdringende Botschaft. Doch auch das andere Hören ist wichtig. Wer zur Ruhe kommt hat die Chance, sich selbst, seine eigene leise Stimme zu hören, die Stimme der Seele. Manchmal versucht sie, uns seit langer Zeit etwas zu sagen und wird doch nicht gehört.
Anderen zuzuhören verstärkt die Gemeinschaft, bindet uns ein in ein Miteinander, in Beziehungen. Gehört zu werden entlastet mich. Ich werde dadurch wertgeschätzt. Und ich kann vielleicht Vorschläge aufnehmen, die mir im Leben helfen können. Und schließlich redet Gott auch heute noch zu uns.
Guter Vater!
Danke, dass du zu mir redest. Amen.
Die Tochter (Peter Bichsel)
Abends warteten sie auf Monika. Sie arbeitete in der Stadt. Die Bahnverbindungen sind schlecht. Sie er und seine Frau, saßen am Tisch und warteten auf Monika. Seit sie in der Stadt arbeitete, aßen sie erst um halb acht. Früher hatten sie eine Stunde eher gegessen. Jetzt warteten sie täglich eine Stunde am gedeckten Tisch, an ihren Plätzen, der Vater oben, die Mutter auf dem Stuhl nahe der Küchentür, sie warteten vor dem leeren Platz Monikas. Einige Zeit später dann auch vor dem dampfenden Kaffee, vor der Butter, dem Brot, der Marmelade.
Sie war größer gewachsen als sie, sie war auch blonder und hatte die Haut, die feine Haut der Tante Maria. „Sie war immer ein liebes Kind", sagte die Mutter, während sie warteten. In ihrem Zimmer hatte sie einen Plattenspieler, und sie brachte oft Platten mit aus der Stadt, und sie wusste, wer darauf sang. Sie hatte auch einen Spiegel und verschiedene Fläschchen und Döschen, einen Hocker aus marokkanischem Leder, eine Schachtel Zigaretten.
Der Vater holte sich seine Lohntüte auch bei einem Bürofräulein. Er sah dann die vielen Stempel auf einem Gestell, bestaunte das sanfte Geräusch der Rechenmaschine, die blondierten Haare des Fräuleins, sie sagte freundlich "Bitte schön", wenn er sich bedankte.
Über Mittag blieb Monika in der Stadt, sie aß eine Kleinigkeit, wie sie sagte in einem Tea-room. Sie war dann ein Fräulein, das in Tearooms lächelnd Zigaretten raucht.
Oft fragten sie sie, was sie alles getan habe in der Stadt, im Büro. Sie wusste aber nichts zu sagen.
Dann versuchten sie wenigstens, sich genau vorzustellen, wie sie beiläufig in der Bahn ihr rotes Etui mit dem Abonnement aufschlägt und vorweist, wie sie den Bahnsteig entlanggeht, wie sie sich auf dem Weg ins Büro angeregt mit Freundinnen unterhält, wie sie den Gruß eines Herrn lächelnd erwidert.
Und dann stellten sie sich mehrmals vor in dieser Stunde, wie sie heimkommt, die Tasche und ein Modejournal unter dem Arm, ihr Parfum; stellten sich vor, wie sie sich an ihren Platz setzt, wie sie dann zusammen essen würden.
Bald wird sie sich in der Stadt ein Zimmer nehmen, das wussten sie, und dass sie dann wieder um halb sieben essen würden, dass der Vater nach der Arbeit wieder seine Zeitung lesen würde, dass es dann kein Zimmer mehr mit Plattenspieler gäbe, keine Stunde des Wartens mehr. Auf dem Schrank stand eine Vase aus blauem schwedischen Glas, eine Vase aus der Stadt, ein Geschenkvorschlag aus dem Modejournal.
"Sie ist wie deine Schwester", sagte die Frau, "sie hat das alles von deiner Schwester. Erinnerst du dich, wie schön deine Schwester singen konnte?"
"Andere Mädchen rauchen auch", sagte die Mutter.
"Ja", sagte er, „das habe ich auch gesagt."
„Ihre Freundin hat kürzlich geheiratet", sagte die Mutter.
Kürzlich hatte er Monika gebeten: "Sag mal etwas auf Französisch." - "Ja“, hatte die Mutter
wiederholt, „sag mal etwas auf Französisch“. Sie wusste aber nichts zu sagen.
Stenografieren kann sie auch, dachte er jetzt. "Für uns wäre das zu schwer", sagten sie oft zueinander.
Dann stellte die Mutter den Kaffee auf den Tisch. "Ich habe den Zug gehört", sagte sie.
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