Sollte aber jemand schuldig werden, so haben wir einen, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten, der ohne Schuld ist.
1. Johannes 2,1
Es ist immer gut, einen Fürsprecher, einen Ansprechpartner zu haben. Der Freund ist Metzger und man möchte eine Party feiern. Die Nachbarin arbeitet in der Wohnungsverwaltung und man sucht gerade eine. Der griechische Küster ist Feuerwehrmann und man braucht einen Feuerwehrwagen für das Gemeindefest. Der beste Fürsprecher aber, so meint der 1. Johannesbrief ist Jesus. Diese Losung erinnert mich an ein kleines mittelalterliches Gemälde. Da steht der Mensch vor dem Richterstuhl Gottes. Er ist winzig und sieht sehr schuldbewusst aus. Er muss Rechenschaft über alles ablegen, was in seinem Leben nicht gut gelaufen ist. Doch neben dem Richterstuhl Gottes steht Jesus Christus und signalisiert: Ich habe bereits für ihn bezahlt.
Das zu verstehen ist fast unmöglich. So ist es kein Wunder, dass man die Christen zuerst als Dummköpfe und Esel bezeichnet hat: „Die glauben an einen Gott, der sich hat umbringen lassen.“ Und so galt dieser Gott als ein Schwächling. Und damit war er als Gott nichts wert. Man kann es kaum verstehen, aber man kann daran glauben. Einer hat das Schlimmste auf sich genommen, um mir zu helfen.
Und Hilfe brauchen wir alle, denn alle machen Fehler in ihrem Leben. Es gibt kein einziges Leben ohne Sünde und Schuld. Und keine(r) hätte vor dem Richterstuhl eine Chance. Über uns würde gnadenlos geurteilt werden. Wie gut aber, dass wir Jesus als Fürsprecher haben. So haben wir mit ihm eine Chance. Das macht Schuld nicht weniger schlimm, aber es gibt uns schlicht eine Chance, die wir sonst nicht hätten.
Guter Vater!
Dein Sohn ist mein Fürsprecher, Gott sei Dank. Amen.
Zeugnistag (Reinhard Mey)
1. Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein,
und wieder einmal war es Zeugnistag.
Nur diesmal, dacht' ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein,
als meines weiß und häßlich vor mir lag.
Dabei war'n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt,
ich war ein fauler Hund und obendrein
höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt,
so ein totaler Versager zu sein, ein totaler Versager zu sein.
2. So, jetzt ist es passiert, dacht' ich mir, jetzt ist alles aus,
nicht einmal eine Vier in Religion.
Oh Mann, mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion.
Ich zeigt' es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie,
schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahl'n.
Ich war vielleicht 'ne Niete in Deutsch und Biologie,
dafür konnt' ich schon immer ganz gut mal'n!
3. Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus,
die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt.
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus,
so stand ich da, allein, stumm und geknickt.
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück,
voll Selbstgerechtigkeit genoß er schon
die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat'ne Stück,
diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.
4. Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
und sagte ruhig: "Was mich anbetrifft,
so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran,
das ist tatsächlich meine Unterschrift."
Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug.
Gekritzelt zwar, doch müsse man verstehn,
daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug.
Dann sagte sie: "Komm, Junge, laß uns gehn."
5. Ich hab noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor'n
und lernte widerspruchslos vor mich hin,
Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn,
daß ich dabei nicht ganz verblödet bin!
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr'n herausgesiebt,
die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut zu wissen, daß dir jemand Zuflucht gibt,
ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!
6. Ich weiß nicht, ob es rechtens war, daß meine Eltern mich
da rausholten und - wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier'n, die Besserwisser streiten sich,
ich weiß es nicht, es ist mir auch egal.
Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt,
und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind,
wenn's brenzlig wird, wenn's schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt, Eltern, die aus diesem Holze sind,
Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind
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