Und als Bartimäus hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Markus 10,47
Diese Geschichte gehört mit zu meinen absoluten Lieblingsgeschichten. Und zwar aus zwei besonderen Gründen. Da sitzt der blinde Bartimäus Tag für Tag und bettelt. Und so bekommt er natürlich mit, was die Leute erzählen. Immer öfter hört er den Namen von Jesus und erfährt davon, dass Jesus Menschen geheilt hat. Und als er dann mitbekomm, dass Jesus wohl in die Stadt kommt, schreit er so laut er kann. Der Künstler Kees de Kort hat ihn in seiner Kinderbibel mit einem hochroten Kopf gemalt. Die Menschen fahren ihn an, er solle stille sein. Aber Bartimäus schreit noch einmal mit aller Kraft. Da ergreift jemand seine Chance mit allem, was er hat. Und er lässt sich davon einfach nicht abbringen.
Jesus hört ihn und lässt ihn zu sich bringen. Als Bartimäus vor ihm steht, erkennt Jesus, dass er blind ist. Und dennoch fragt er ihn: „Was möchtest du, dass ich für dich tue?“ Er handelt nicht über den Kopf von Bartimäus hinweg. Erst als dieser sagt: „ich möchte sehen können“, heilt ihn Jesus.
Ich liebe diese Geschichte, weil ein Mensch alle seine Hoffnung auf Gottes Sohn wirft und nicht enttäuscht wird. Und ich liebe das Feingefühl Jesu, mit dem er den Menschen begegnet.
Ja, manchmal bleibt uns in unserem Leben nichts anderes übrig als alle unsere Hoffnung auf Gott zu setzen. Und ich hoffe dann sehr, dass wir wie Bartimäus erhört werden und ebenso Gottes Feingefühl und Zärtlichkeit erleben können. Bartimäus kann so zu einem Vorbild für uns werden, aus Sackgassen des Lebens wieder herauszufinden.
Guter Vater!
Danke, dass du den Menschen mit Liebe und Feingefühl begegnest. Amen.
Mit den Händen sehen (Hans Georg Noack)
Jürgen fährt auf seinem Roller über den Gehsteig. Bei diesem Sonnenwetter hält ihn nichts im Haus. Er will auf den Spielplatz, denn da kann er klettern und toben und raufen mit anderen Kindern und Verstecken spielen. Erst wenn es dämmert und Jürgen müde ist, wird er nach Hause gehen und seinen Eltern erzählen, was er heute erlebt hat... Beinahe hätte er jemanden angefahren. Der kleine Junge da geht so langsam und vorsichtig und tastet sich mit den Händen an den Mauern der Häuser entlang, als ob er Angst hätte, sich zu stoßen. Das findet Jürgen komisch, er drückt hart auf die Bremse am Hinterrad des Rollers und hält neben dem Kleinen. „Du machst vielleicht wie ein richtiger Opa", spricht er ihn an. „Bist du aber ulkig." Und er lacht: „Kannst du überhaupt schon bis drei zählen?"
Der Kleine stellt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand und verzieht ängstlich das Gesicht. „Ich bin fünf", sagt Jürgen, „und wie alt bist du?" Der Kleine hebt die rechte Hand und spreizt seine Finger. „Fünf?" staunt Jürgen, „die bin ich auch. Und warum gehst du so langsam, bist du krank? Dann lauf schnell nach Haus!" Jürgen bekommt keine Antwort. Aber jetzt tut der Junge einen Schritt auf ihn zu und betastet ihn vorsichtig mit den Fingerspitzen.
„Was machst du da? Lass das!" sagt Jürgen.
Mit einem Mal steht eine Frau neben den beiden. „Das ist Son", sagt sie zu Jürgen, „und wie heißt du?" Sie fasst den Kleinen fest bei der Hand. Son schmiegt sich an sie und lacht fröhlich.
„Er kann dich nicht sehen", sagt die Frau, „er kann auch die Sonne nicht sehen, er ist blind. Er kann auch nicht nach Hause gehen. Zu Hause, das ist für Son viel zu weit." „Ja, wie weit ist das denn?" will Jürgen wissen. „Er kommt aus Vietnam, und wer dorthin will, muss um die halbe Welt fahren."
„Vietnam - wo der schreckliche Krieg ist?" Jürgen weiß das vom Fernsehen.
„Ja, in Vietnam ist Krieg. Viele Jahre schon. Dorther ist Son gekommen", erzählt die Frau im Weitergehen. „Eines Tages gingen ein paar Soldaten über eine Landstraße, und plötzlich sahen sie im Straßengraben ein wimmerndes Bündel. Als sie es genauer betrachteten, war es ein kleiner Junge, der kaum noch atmete. Sein Gesicht war voll Blut. Eine verirrte Kugel hatte ihn blindgeschossen.
Nun kann Son nicht mehr sehen. Wenn er mit anderen Kindern spielen will, betastet er sie mit den Fingerspitzen. Dann fühlt er, mit wem er es zu tun hat. Son muss mit seinen Händen sehen."
Jürgen bleibt erschrocken stehen, so etwas hat er noch nicht gehört. Die Frau zieht Son mit sich fort, jetzt spricht sie mit ihm, streicht ihm übers Haar.
Ob er sie überhaupt versteht?
„Und wo geht ihr jetzt hin?" ruft Jürgen plötzlich hinterher. Aber da sind
die beiden schon fort...