Predigt am 2.S.n.Tr. über Matthäus 11,25-30
(14.6.2026; Auferstehungskirche, Taufen von Ida Rensing und David Miller, Thema: )
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde!
Ich habe heute Morgen einen Rucksack mitgebracht. Es ist nur ein recht kleiner Rucksack, wie wir ihn mitnehmen, wenn wir einen Ausflug machen, eine Fahrradtour. Dieser Rucksack wäre nicht geeignet, um sich damit auf eine mehrwöchige Tour zu begeben.
Er soll heute Morgen nicht als Symbol dafür stehen, daß der Pfarrer bald Urlaub hat oder, daß bald die Sommerferien beginnen. Dieser Rucksack soll als Symbol dafür stehen, was wir in unserem Leben alles zu tragen haben.
Es gibt vieles, was Menschen, was wir zu tragen haben. Wenn wir alle heute Morgen alles zusammen nehmen würden, was uns belastet, dann würde dieser Rucksack - schon nach wenigen Augenblicken zu klein sein. Die vielen Steine könnte er gar nicht fassen.
Schauen wir uns doch nur einmal an, was uns heute in diesem Gottesdienst bewegt. Was wir finden steht sozusagen exemplarisch für alles andere.
Sie liebe Familie Rensing / Lunk und Miller haben heute ihre Kinder Ida und David zur Taufe gebracht. Sie wollen für Ida und David ein Zuhause bieten, in dem sie gut und geborgen aufwachsen können. Doch das erfordert jede Menge an Kraft, Geduld und Liebe. Wie viele Sorgen sind zu tragen, bis Ida und David auf eigenen Beinen stehen werden? Wie viele Fragezeichen stehen noch auf diesem Weg? Es ist hoffentlich ein schöner Weg, der vor Ihnen liegt. Es wird aber auch ein Weg mit Lasten und Mühen sein.
(Ein Stein in den Rucksack legen.)
Erst vor Kurzem haben wir auf der Gemeindeversammlung erzählt, dass in einigen Jahren dieses Zentrum her geschlossen werden wird. Seitdem werde ich von vielen Menschen angesprochen, die darüber traurig sind. Es ist eine Last für sie, daran zu denken. (Stein in den Rucksack legen)
Im Gottesdienst hören wir oft von Gemeindegliedern, die verstorben sind. Oder wir erzählen uns bei Kirchenkaffee davon, wem es gerade gar nicht gut geht. (Stein in den Rucksack legen)
Es sind drei Beispiele für Lasten, die zu tragen sind. Wir alle bringen Lasten mit, die unser Leben beschweren: Die Suche nach unserem wirklichen Ich, die Suche nach Arbeit, der Alltag mit seinen vielen Sorgen und Problemen. Sie alle kennen die Lasten des Lebens selber am besten, die Sie in ihrem Rucksack mit herum tragen.
(Drei Steine in den Rucksack legen.) (Den Rucksack hochheben.)
Nun wiegt der Rucksack schon etliches an Gewicht. Er ist trotzdem nicht so schwer, dass wir ihn nicht heben und tragen könnten. Sein Gewicht ist nicht so groß, als daß wir unter ihm zusammenbrechen würden.
Der Rucksack aber ist immer auf unserem Rücken. Wir müssen ihn nicht nur ein kleines Stück tragen, sondern er hängt Tag und Nacht an uns. Und dann wird es schwer, diese Last auf Dauer zu tragen. Das Rückgrat kann Schaden nehmen. Es kann nach einer ganzen Zeit so sein, daß wir sagen: Ich kann diese Last nicht mehr tragen.
Genau hier wird es spannend, auf unseren heutigen Predigttext zu schauen. Er steht bei Matthäus im 11. Kapitel:
Danach rief Jesus: »Vater, Herr über Himmel und Erde, du hast angefangen, deine
Herrschaft aufzurichten. Das hast du den Klugen und Gelehrten verborgen, aber den Unwissenden hast du es offenbar gemacht. Dafür preise ich dich! Ja, Vater, so wolltest
du es haben!
Mein Vater hat mir alle Macht übergeben. Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und
niemand den Vater, nur der Sohn - und die, denen der Sohn ihn offenbaren will.
Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt
alle zu mir; ich -will euch die Last abnehmen!
Ich quäle euch nicht und sehe auf niemand herab. Stellt euch unter meine Leitung und
lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung.
Was ich anordne, ist gut für euch, und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.«
Es klingt fast wie eine Werbung. Und so ist es wohl auch zu verstehen: „ Kommt und euer Leben findet Erfüllung. " Da soll Last abgenommen werden. Dies sind ermutigende Worte. Worte, die damals für Aufhorchen gesorgt haben. Worte, die auch heute Gehör finden.
Und nun wird es spannend. Wie wird denn der Rucksack meines Lebens leichter? Was muss geschehen, damit Gott die Last tragbar machen kann? Wir könnten zwar symbolisch ein paar Steine hier aus dem Rucksack nehmen. Das Gewicht unseres eigenen Rucksackes aber würde dadurch nicht weniger.
Zuerst fällt mir der Satz Jesu zu Beginn unseres Predigttextes auf: Das hast du den Klugen und Gelehrten verborgen, aber den Unwissenden hast du es offenbar gemacht. Dieser Satz steht in der Tradition der ganzen Bibel, daß Gott auf der Seite der Armen, Schwachen und Kleinen steht.
Wenn ich dies jetzt übersetze in unsere Situation, dann hieße dieser Satz: Es braucht ein Eingeständnis von uns. Ein Eingeständnis, das lautet: „Ich kann die Last meines Lebens alleine nicht tragen." „Ich will die Last meines Lebens alleine nicht tragen."
Alle, die jetzt innerlich denken: „Ich bin schön, stark und mutig." „Ich brauche das nicht", können jetzt eigentlich gehen. Denn diese Einsicht, nicht alles alleine schaffen zu müssen, zu können und zu wollen, ist Grundvoraussetzung für alles Weitere.
Die erste Klippe stellt dies dar. Sich selber einzugestehen, daß ich gar nicht so mutig und stark und schön bin, wie ich es gerne wäre oder wie andere es vielleicht von mir erwarten. Und das gegen allen Zeitgeist, der doch genau das Gegenteil fordert. Sich dies einzugestehen, hat nichts mit Unterwürfigkeit oder Schwäche zu tun. Sich dies einzugestehen hat vielmehr mit Weisheit und Stärke zu tun. Und wir müssen dies nicht von heute auf morgen perfekt können. Wir dürfen uns in unsicheren Schritten bewegen und lernen. So wie Jesus es sagt: Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir.
Nur, wenn ich etwas abgebe, loslasse, dann kann ich auch entlastet werden. Wer nicht loslässt, sondern festhält, dem kann Gott nicht helfen - der wird für sein Leben keine Erfüllung finden.
Und nun wird es noch einmal spannend. Erfüllung - was für ein hoher theologischer Begriff. Wenn ich Sie und Euch alle fragen würde, was sich hinter dem Wort Erfüllung verbirgt, dann würden einige mit den Schultern zucken und andere vielleicht sehr unterschiedliche Antworten geben.
Erfüllung — Hilfe kann hier der griechische Urtext des Neuen Testaments geben. Das griechische Wort, das mit Erfüllung übersetzt wird, hat eine ganz einfache Bedeutung. Es heißt nicht mehr und nicht weniger als „Ruhe".
Erfüllung finden heißt nichts anderes als zur Ruhe kommen, in mir selbst ruhen.
Zur Ruhe kommen, in mir selbst ruhen - schön wäre es ja, wenn uns dies gelänge. Ich weiß aber von mir selber, wie wenig mir dies oftmals gelingt. Selten bin ich wirklich ruhig oder ruhe in mir. Es ist eher so, daß ich selber oft in mir rotiere, unzufrieden bin. Ich sehe die vielen Aufgaben, die vor mir liegen. Wie finde ich dann zur Ruhe? Wie komme ich zur Ruhe in mir selbst?
Alleine die Fragen sind schon völliger Blödsinn. Alleine diese Fragen haben eine falsche Richtung, die uns in die Irre führt. Nicht wie finde ich, nicht wie komme ich - denn diese Fragen beinhalten, als hinge das Gelingen von mir ab. Als könnte ich aus eigener Kraft zur Ruhe und zur Erfüllung meines Lebens kommen. Das aber würde uns zu Übermenschen machen. Und die sind wir nicht.
Denn dann hätten die Familien Rensing / Lunk und Miller niemals Probleme und Sorgen, Ida und David zu begleiten. Und dann gäbe es keinen Schmerz bei dem Gedanken an den Tod von Verstorbenen. Und dann bräuchten wir auch nicht mit Wehmut auf die zukünftige Schließung unseres Gemeindezentrums zu blicken.
Wir alle aber wissen, daß dies nicht so ist. Ruhe in mir selbst, Erfüllung finde ich nur, wenn ich meine Lasten mit Gott teile. Gott lädt uns dazu ein: Kommt alle zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Also geben wir ihm unsere Lasten und lassen ihn sie mit tragen. Geben wir unsere Lasten Gott, weil wir darauf vertrauen, daß er es gut mit uns meint. Geben wir unsere Lasten Gott im Gebet, in der Stille, egal wo wir sind. Geben wir sie ihm, wenn sie uns zu schwer werden.
Bitten wir Gott um Hilfe, alle die anderen Lasten unseres Lebens zu tragen. Gott wird uns nicht enttäuschen. Wir werden seine Kraft und Hilfe spüren.
(Ein paar Steine aus dem Rucksack nehmen.)
Nun ist der Rucksack leichter zu tragen. Er ist nicht leer, aber er verbiegt unser Rückgrat auch nicht mehr. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus Amen.