Gott hat euch zur Freiheit berufen, meine Brüder und Schwestern! Aber missbraucht eure Freiheit nicht als Freibrief zur Befriedigung eurer selbstsüchtigen Wünsche, sondern dient einander in Liebe.
Galater 5,13
Hochspannend sind diese Worte des Paulus. Die ersten Christinnen und Christen waren vorher jüdischen Glaubens. Sie waren es gewohnt, in ein Korsett von Regeln und Geboten hineingeboren zu werden. So gibt es über 600 verschiedene Regeln und Gebote im Alten Testament, die befolgt werden wollen. Von all diesen Regeln waren die Christinnen und Christen nun befreit.
Paulus aber sagt zu ihnen: Eure Freiheit hat eine Grenze, eine Grenze, die Jesus selbst gesetzt hat: die Liebe. Wenn euer Handeln gegen die Liebe verstößt, dann ist es falsch. Wenn euer Handeln den und die Nächste benachteiligt, dann ist es falsch. Wenn ihr euch durch euer Handeln über andere erhebt, dann ist es falsch. Alles ist euch erlaubt, aber nicht alles ist richtig.
In den letzten Tagen ging eine Schule durch die Presse, die angeblich christlichen Schülern verboten hätte, während des Ramadan in der Schule offen zu essen. Schnell kochte die Volksseele. So ein Quatsch. Ich würde es mit meinen Schülerinnen und Schülern besprechen, dass es in muslimischen Familien die Tradition gibt, während der Zeit des Ramadan zwischen Sonnenaufgang und -untergang nicht zu essen und zu trinken. Erstens müssen die Schüler das wissen. Zweitens haben sie alle Provokationen gegenüber den muslimischen Schülern zu unterlassen. Und: Natürlich dürfen sie essen. Aber sie sollen den anderen damit keine lange Nase drehen. Liebe als Grenze des Handelns.
Ich finde, das ist auch für unseren Alltag ein guter Maßstab des Handelns. Wenn ich andere nicht verletzte, zurücksetzte oder sie benachteilige, dann bin ich in meinem Handeln frei, auch durch die Liebe Gottes und der anderen.
Guter Vater!
Lass mich die guten Grenzen meines Handelns erkennen. Amen.
Wie lange hält man sowas aus?
Schon als ich in meine Straße einbiege, sehe ich es: blinkende, rote Lichter, die die Häuser in ein alptraumhaftes Stakkato tauchen. Der Krankenwagen steht direkt vor der Tür meines Nachbarn.
Herr Weber. Bruder Werner, wie er in der Gemeinde heißt. Ich kenne ihn seit fünfzehn Jahren, aber wirklich nah waren wir uns nie. Er und Edith hielten sich immer etwas zurück, gehörten zu den Stillen. Nach ihrem Tod vor zwei Jahren wurde er noch stiller.
Die Sanitäter schieben ihn gerade heraus. Neben dem Krankenwagen steht kein Pastor, kein Ältester – nur Frau Müller, die Frau, die alles weiß. „Schlaganfall“, flüstert sie. „Er wird Hilfe brauchen.“ Bedeutungsvoll sieht sie mich an. „Seine Kinder wohnen weit weg.“
„Stimmt“, denke ich, „und du weißt genau, dass er und ich in einer Gemeinde sind.“
Ihr Blick bleibt an mir hängen. Ich lächele sie an. Es ist das Lächeln, mit dem man eine Zahnwurzelbehandlung begrüßt. Unvermeidlich, aber … na ja, man kann sich etwas Besseres vorstellen.
Eine Woche später klingele ich bei Werner. Die Rückkehr aus dem Krankenhaus hat er überraschend gut verkraftet, aber der rechte Arm hängt schlaff herab, die Worte kommen nur stockend. Aber das hatte mir Frau Müller schon gesagt.
„Danke“, murmelt er, als ich die Einkäufe auf den Küchentisch stelle. Das Foto von Edith schaut uns dabei zu. Ihr Blick ist wohlwollend, fast fühle ich mich ein wenig geschmeichelt.
„Macht nichts, wenn Sie keine Zeit haben“, lallt er mit seiner neuen, schweren Zunge.
„Doch, doch“, höre ich mich sagen. Aber die Worte schmecken eher nach Pflicht als nach Glück. Abends erstelle ich mir dann erstmal eine Liste: Montag Einkaufen, Dienstag Arzttermin, Mittwoch Physiotherapie. Das ist ja überschaubar, denke ich. Machbar.
Die ersten Wochen laufen wie am Schnürchen. Morgens bringe ich Brötchen vorbei, rieche den muffigen Geruch alter Bücher in seinem Wohnzimmer. Mittags hänge ich Wäsche auf, höre sein stockendes Atmen. Abends koche ich Suppe, sortiere Pillen. „Gott segne Sie“, murmelt Werner jedes Mal.
Aber der Arm bessert sich nicht. Und ein kleines Unbehagen schleicht sich ein: Wie lange das wohl gehen wird?
Die Liste wird länger: Donnerstag Apotheke, Freitag Putzen. Die Tage verschwimmen. Irgendwie bin ich jeden Tag bei ihm.
Am Sonntag fragt der Pastor: „Wie geht’s Bruder Werner?“ Ich nicke nur. Andere flüstern mir zu: „Du bist ein Vorbild.“ Diese Worte sollen mich freuen, aber sie tun es nicht.
Neulich habe ich jemanden ganz konkret gefragt: „Kannst du nicht auch helfen?“ Ich weiß nicht mehr genau, was er sagte, aber irgendwie ging es nicht. Irgendwas mit Familie und den Kindern … oder der Arbeit … oder was auch immer.
Zweifel schleichen sich ein. Beim Pillensortieren zittert meine Hand. Was, wenn das ewig so geht? Ich stelle mir vor, wie ich altern werde, grau und gebückt, für immer gefangen in diesem Rhythmus.
Und dann legt meine Schwester auch noch einen drauf: „Du siehst fertig aus. Hör auf, bevor du zusammenbrichst. Das ist keine Nächstenliebe, das ist Selbstzerstörung.“ Ihre Worte hallen nach. Hat sie recht?
Wo ist Gottes Plan in dieser Erschöpfung?
Abends sitze ich am Computer. Meine Finger zögern kurz, dann tippe ich „Pflegeheime Umgebung“ in die Suchmaschine. Bunte Seiten versprechen „Würdevolles Altern“ und „Liebevolle Betreuung“. Ich bestelle Informationsmaterial von drei verschiedenen Heimen.
„Nur für den Notfall“, murmele ich. Dann schicke ich die E-Mails ab, bevor ich es mir anders überlegen kann.
Eine Woche später sind die Broschüren da. Ich komme gerade von der Arbeit, völlig erledigt. Stopfe die Umschläge ungeöffnet in meine Tasche – später, denke ich, wenn ich Ruhe habe. Aber dann klingelt das Telefon. Werner. Neue Medikamente vom Arzt, er versteht die Anweisungen nicht.
„Bin gleich da!“, mache ich ihm Mut. Einen Moment noch lehne ich gegen den Türrahmen, will einfach nur aufs Sofa. Aber die Pflicht ruft. Kurz darauf sitze ich an seinem Küchentisch, die Tasche über die Lehne meines Stuhls gehängt, und sortiere wieder Pillen.
„Ich hol’ nur ein Glas Wasser“, sagt Werner und schlurft zum Spülbecken. Dabei streift er meine Tasche und sie fällt herunter. Ein Umschlag rutscht heraus. „Sonnenhof – Ihr neues Zuhause“ prangt in freundlichen Lettern auf dem Titelbild.
Die Zeit steht still.
Werner bückt sich mühsam. Mit seiner guten Hand hebt er die Broschüre auf. Sein Gesicht ist eine Maske.
„Du auch“, sagt er leise. Kein Vorwurf. Nur eine Feststellung.
„Werner …“
„Meine Kinder haben die gleichen bestellt.“ Er lässt sich schwer auf einen Stuhl fallen. „Verstehe ich ja auch. Bin eine Last.“ Seine Stimme bricht.
„Ich weiß nicht mehr, wie lange ich das schaffe“, sage ich. „Was, wenn es Jahre dauert?“
Zum ersten Mal sehen wir uns wirklich an. Nicht als Helfer und Hilfsbedürftiger. Als zwei Menschen, die Angst haben. Jeder auf seine Art.
„Seit Edith nicht mehr da ist, fühle ich mich einsam, trotz Gemeinde, trotz vieler Besuche. Und jetzt ist es so, als ob ich langsam verschwinde, als ob ich unsichtbar werde“ Eine Träne läuft über seine eingefallene Wange. „Dabei sehe ich doch, wie müde du bist.“
Jetzt weine auch ich.
Schweigend sitzen wir da. Die Zeiger der alten Küchenuhr bewegen sich langsam vorwärts. Die Broschüren liegen auf dem Tisch, aber sie bedeuten nichts, Sie sind nur Papier, ein Symptom.
„Es tut mir leid“, sage ich.
„Mir auch“, flüstert er. Dann, kurze Zeit später: „Danke, dass du ehrlich warst.“ Ich nicke nur. Mit leiser Stimme fährt er fort: „So wie bisher können wir nicht weitermachen.“ Wieder nicke ich. Dann halte ich ihm meine Hände hin: „Sollen wir zusammen beten?“
Gemeinsam sitzen wir am Tisch und beten zu unserem Herrn. „Du bist ein Gott, der mich sieht“, flüstert Werner.
„Ja“, denke ich, „seit tausenden von Jahren beten wir diese Erkenntnis, angefangen mit einer einsamen Frau in der Wüste.“
Und ich verstehe es: Indem ich meine Grenze zeigte, habe ich ihm erlaubt, auch eine zu haben. Indem ich zugab, dass ich nicht alles schaffe, habe ich ihm zurückgegeben, was die Angst ihm genommen hat: Würde.
Nicht die Würde des unabhängigen Menschen, sondern die Würde des gesehenen Menschen.
Auf dem Heimweg bleibe ich noch kurz vor Werners kleinem Vorgarten stehen. Die Herbstastern, die seine Frau vor ein paar Jahren pflanzte, leuchten in königlichem Purpur.
Komisch, bisher ist mir das gar nicht aufgefallen.
Oder vielleicht: Ich habe es einfach nicht gesehen.
www, jesusjournal.substack.com/p/wie-lange-halt-man-sowas-aus?utm_source=JJ_Webseite