Predigt an Estomihi über Lukas 18, 31.43
(15.2.2026; Auferstehungskirche, Thema: Lerne auf deine Seele zu hören und bringe dies vor Jesus)
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde!
Heute Morgen haben wir es mit einem besonderen Predigttext zu tun. Ich denke, wenn wir ihn mit offenen Ohren hören werden, dann ist er nett zu verstehen und auch ganz nett zu hören, aber er wird uns nicht weiter berühren. Wenn wir diesen Text aber mit einer offenen Seele hören, dann kann er viel in uns bewirken. Also hören wir auf Lukas, aus dem 18. Kapitel:
Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: »Hört zu! Wir gehen nach Jerusalem. Dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben: Er wird den Fremden ausgeliefert werden, die Gott nicht kennen. Er wird verspottet und beleidigt und angespuckt werden.
Sie werden ihn auspeitschen und töten, doch am dritten Tag wird er auferstehen.« Die Zwölf verstanden kein Wort. Was Jesus sagte, blieb ihnen verborgen; sie wussten nicht, wovon er sprach.
Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß dort ein Blinder am Straßenrand und bettelte. Er hörte die Menge vorbeiziehen und fragte, was da los sei. Er erfuhr, dass Jesus aus Nazareth vorbeikomme. Da rief er laut: »Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!«
Die Leute, die Jesus vorausgingen, fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich holen. Als er herangekommen war, fragte ihn Jesus: »Was soll ich für dich tun?« Er antwortete: »Herr, ich möchte wieder sehen können!«
Jesus sagte: »Du sollst sehen können! Dein Vertrauen hat dich gerettet.«
Sofort konnte der Blinde sehen. Er pries Gott und folgte Jesus. Und das ganze Volk, das dabei war, rühmte Gott.
Da ist jemand blind, ein anderer kann sehen – aber nicht so wie wir denken. Denn die Jünger sind die Blinden und der Blinde ist der Sehende.
Um aber den Text wirklich verstehen zu können, müssen wir uns zuerst in die damalige Situation des Blinden versetzen. Denn diese Situation unterschied sich völlig von der heutigen eines blinden Menschen. Dieser Blinde zurzeit Jesu lebte in völligem Ausgeliefertsein. Er war immer angewiesen darauf, dass ihm jemand half. Wichtig war zum Beispiel, dass ihn jemand am Morgen zu seinem Bettelplatz brachte und ihn abends heimführte. Es gab keine Blindenschrift, keinen Blindenhund, keine Schule für Sehbehinderte. Und noch etwas kam dazu: Damals betrachtete man eine Krankheit meist als eine Folge von Schuld. Also musste der Blinde etwas gegen Gott unternommen haben, sonst wäre er ja nicht blind. Den Blinden einen Außenseiter zu nennen, wäre wirklich untertrieben.
Mit diesem Hintergrundwissen erscheint das Verhalten des Blinden noch mutiger als eh schon. Denn seine untere Stellung ist wie ein Hindernis, das er erst überwinden muss. Und dann bekommt er auch noch Ärger als er das erste Mal ruft: „Halt die Klappe!“ Die, die um ihn herum stehen, fahren ihn an. „Lass Jesus in Ruhe, du Krüppel.“
Aber der Blinde lässt sich nicht beirren. Er schreit wiederum nach Jesus, denn er spürt mit jeder Faser seiner Seele, dass Jesus seine Chance ist. Und er begreift mit jeder Faser seiner Seele, wer Jesus wirklich ist. Deswegen ruft er: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!« Der Blinde ist ein Sehender, ein Erkennender bevor er zum Sehenden wird. Er sieht nicht, was vor Augen ist, aber er sieht mit seiner Seele.
Die Jünger Jesu dagegen sehen das, was vor ihren Augen ist. Sie sehen Jesus von Nazareth und alles das, was sie mit ihm an Hoffnungen haben. Sie sehen den Mann Jesus von Nazareth, vielleicht auch den Freund, zu dem sie aufblicken. Aber sie können nicht erkennen, wer er wirklich ist: Jesus Christus, Jesus, der Erlöser. Und selbst als er ihnen erzählt, was bevorsteht: Leid, Folter, Kreuzigung und Auferstehung, da können sie nicht sehen, wer er wirklich ist. Sie, die eigentlich Sehenden sind die Blinden und der eigentlich Blinde ist der Sehende.
Ich glaube, dass wir als Christinnen und Christen oft wie die Jünger Jesu sind. Auch wir folgen Jesus nach. Und wir haben sogar einen Vorteil gegenüber den Jüngern: Wir wissen, dass Jesus von Nazareth der Erlöser dieser Welt ist. Wir wissen von der Auferstehung, von dem Sieg des Lebens über den Tod.
Und doch glaube ich, dass wir oft blind dafür sind, was Jesus auch für unser Leben sein kann.
Der Blinde kann nicht sehen, was vor Augen ist. Seine Situation ist so abhängig von anderen Menschen, dass er sich gar nichts selber vormachen kann. Er kann sich nicht einreden, dass er sein Leben selber gut im Griff hat. Er ist sozusagen gezwungen, die Realität eines Lebens mit Abhängigkeiten anzuerkennen. Er kennt das Leid und er hat Zeit zu denken.
Vielleicht hat alles dies ihm geholfen, ehrlich sich selbst gegenüber zu sein. Vielleicht hat es ihm geholfen nicht sehen zu können, dass seine Seele sehen lernte. Aber gerade, weil er mit seiner Seele sieht, sieht er anderes, was wir nicht sehen: Sofort erkennt er die wahre Bestimmung Jesu und sofort begreift er: „Dieser Mann, der Sohn Davids ist meine Chance!“
Es gibt ein wunderbares Bild von Kees de Kort von der Heilung eines Blinden. Ein kleiner Mann mit einem hellen Umhang steht dort. Sein Mund ist weit aufgerissen, die Augen hinter einer Binde verborgen. Der Kopf explodiert fast, hochrot – so sehr schreit er. Er schreit sich die Seele aus dem Leib.
Jesus hört ihn, hält an, lässt den Blinden zu sich bringen. Als er herangekommen war, fragte ihn Jesus: »Was soll ich für dich tun?« Er antwortete: »Herr, ich möchte wieder sehen können!« Jesus sagte: »Du sollst sehen können! Dein Vertrauen hat dich gerettet.« Sofort konnte der Blinde sehen. Er pries Gott und folgte Jesus.
Ja, ich glaube, dass der Blinde einen Vorteil hatte gegenüber uns. Er konnte sich selbst schlecht in die Tasche lügen und er war weniger abgelenkt als wir es heute sind. Und doch glaube ich, dass wir nicht blind sein müssen, um mit unserer Seele sehen zu lernen.
Wie aber lerne ich, auf meine Seele zu achten?
Ich glaube, wir brauchen dazu drei Dinge:
Zeit, um ihre Stimme kennenzulernen.
Ruhe, um ihre Stimme zu hören.
Mut und Ehrlichkeit, das zu akzeptieren, was sie sagt.
Zeit, Ruhe, Mut und Ehrlichkeit – nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.
Und worauf wir uns ehrlich verlassen können, ist, dass unsere Seele ehrlich ist. Sie plustert sich nicht auf, sie macht sich nicht klein, sie sagt immer gerade heraus, wie es ihr geht.
Und ich glaube, sie sagt je nach Person ganz unterschiedliche Dinge:
Ich bin ängstlich.
Ich bin einsam.
Ich habe keine Kraft mehr.
Ich will nicht mit Alkohol, Nikotin oder Tabletten zugeschüttet werden.
Ich bin traurig.
Es geht mir gut.
Ich mache mir Sorgen.
Ich bin erschöpft.
Das absolut Irrste an der Geschichte Jesu mit dem Blinden finde ich die Frage Jesu: »Was soll ich für dich tun?« Fast ist man geneigt zu sagen: „Na, was schon!“ Und doch will Jesus die Seele des Blinden selber hören, vielleicht plagt sie etwas ganz anderes. Die Seele des Blinden aber weiß ganz genau, was sie will, sie sagt nur einen einzigen Satz: »Herr, ich möchte wieder sehen können!« Und Jesus heilt. Die Seele und damit das Leben werden wieder heil.
Und ich bin ganz sicher, dass wenn wir auf unsere Seele achten und verstehen, was sie von uns will und wenn wir dies vor Jesus bringen und ihm dies sagen, dann wird auch Ihre, Eure und meine Seele heil. Dein Vertrauen hat dich gerettet. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus Amen.
Helen Keller – Eine taubblinde Schriftstellerin
Helen Adams Keller wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, Alabama geboren.
Sie war zunächst ein ganz gesundes Kind, wurde aber im Alter von 19 Monaten schwer krank und verlor als Folge dieser Krankheit ihr Seh- und Hörvermögen. Bald darauf hörte sie auch auf, sich zu äußern.
Sie entwickelte Handzeichen, um mit ihrer Umgebung in Kontakt zu treten, hatte aber oft große Schwierigkeiten, sich zu verständlich machen.
Das führte zu immer heftigeren Wutanfällen, so dass sich ihre Eltern schließlich völlig verzweifelt um Hilfe für ihre Tochter bemühten.
Im März 1887 kam die 21jährige Lehrerin Anne Sullivan (später nach ihrer Heirat hieß sie Anne Macy) zur Familie Keller.
Sie hatte eine Ausbildung für das Unterrichten von blinden Kindern gemacht und bereits mit der taubblinden Laura Bridgeman gearbeitet, die auch als erste Taubblinde die Sprache erworben hatte.
Diese Art der Sprache war ein Fingeralphabet für Gehörlose, das in die Handfläche buchstabiert wurde.
Anne Sullivan ließ Helen Gegenstände berühren und buchstabierte ihr dann deren Namen gleichzeitig in die Hand.
Diesen Zusammenhang verstand Helen zum ersten Mal bei dem Wort „water" (Wasser).
Mit unendlicher Geduld brachte Anne Sullivan der kleinen Helen die Taubstummensprache und die 1825 von dem französischen Lehrer Louis Braille (1809-1852) entwickelte Blindenschrift bei.
Auch das Schreiben auf einer speziellen Schreibmaschine erlernte Helen Keller.
Lange Zeit jedoch konnte sich Helen nicht akustisch verständlich machen.
Die ersten Anfänge des Sprechens erlernte sie, indem sie ihre Finger auf den Kehlkopf ihrer Lehrerin legte, um dabei die Bewegungen wahrzunehmen.
Später erhielt Helen auch Unterricht bei dem Physiologen Alexander Graham Bell (1847-1922), der das erste brauchbare Telefon erfand (Patent 1876).
Sie lernte auch die lautlichen Äußerungen von anderen Menschen, die weder das Fingeralphabet, noch die Brailleschrift beherrschten, durch das Abtasten der Lippenbewegungen zu verstehen.
Ab 1900 studierte Helen Keller am Radcliffe College in Boston und erlernte mehrere Fremdsprachen.
Sie arbeitete in der Blindenkommission von Massachusetts und anderen wohltätigen Organisationen.
Viele Vorträge führten sie um die ganze Welt, bei denen sie sich für die Rechte von unterdrückten Menschen (besonders den Schwarzen) einsetzte.
Später erhielt sie sogar die Ehren-Doktorwürden der Harvard-Universität.
Nach einem Schlaganfall im Jahre 1961 zog sie sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück.
Helen Keller starb im Jahre 1968 im Alter von 88 Jahren in Westport (Connecticut).
Trotz ihrer Behinderung wurde Helen Keller eine erfolgreiche Schriftstellerin.
Durch den Kampf gegen ihr Schicksal hat die unzähligen Leidensgenossen Mut gemacht und setzte eine Reform der Blindenerziehung durch.
Sie erreichte auch die Einführung einer einheitlichen Blindenschrift.
Kurz vor dem Ende ihres ungewöhnlichen Lebens sagte Helen Keller: „Ich bin blind, aber ich sehe; ich bin taub, aber ich höre".
Helen Kellers Bücher haben einen stark autobiographischen Charakter. Damit wollte sie anderen Menschen, die das gleiche Schicksal wie sie haben, Mut machen.
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