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Predigt über Jeremia 1, 4-10

© Jens Bielinski-Gärtner
Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis über Jeremia 1, 4-10

(2.8.2026; Auferstehungskirche, Thema: ProphetIn sein heute)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen      

 

Liebe Gemeinde!

Heute haben wir ein spannendes Thema im Gottesdienst: Prophetin und Prophet sein in dieser Welt. Der Predigttext von der Berufung Jeremias hat mich nicht mehr losgelassen. Deswegen möchte ich auch heute diese Frage noch einmal stellen: Was ist eine Prophetin, ein Prophet? Sind sie es? Bin ich eine?

Ich glaube, dass wir alle von Gott angesprochen sind - jeder und jede von uns. ProphetInnen das sind wir alle. So verstehe ich auch den Predigttext. Und hier finde ich auch das, was Prophetsein heute bedeutet. Ich lese den Text von der Berufung des Jeremia vor:

 

Und des Herrn Wort geschah zu mir:

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen: denn ich bin zu jung.

Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.

Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir:

Siehe ich lege meine Worte in deinen Mund.

Siehe ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

 

Jeremia wird also zu einem Propheten, der das Wort Gottes in die Welt hineinspricht. Er soll es seinem Volk sagen - gegen falsche Politik, gegen falsche Propheten und Priester, gegen die ausbeutenden Reichen. Er droht seinem Volk sogar.

Wenn wir aber alle ProphetInnen sind: Was heißt das dann für uns persönlich? Und vor allem, was wäre unsere Aufgabe? Wir können heute nichts mehr damit verändern, dass wir vor den König treten. Was müssten wir z.B. hier in Weckhoven einreißen, zerstören, bauen oder pflanzen?

Für mich geht es darum, dass wir alle aufgerufen sind, die Zeichen der Zeit in unserer eigenen Lebenswelt zu sehen. In unserem Alltag, in unseren Beziehungen, da wo wir leben und arbeiten.  

An unserem Arbeitsplatz sind wir aufgerufen zu sehen, ob jemand benachteiligt wird; in unserer Nachbarschaft, ob jemand alleine und einsam ist. Unter den Freunden, ob wir genügend Zeit füreinander haben und offen miteinander reden. Und bei uns selbst, ob wir unser Leben so führen, dass wir Gottes Liebe für andere erfahrbar machen.

Jeder Mensch steht in einer anderen Lebenssituation. Und deswegen gibt es keine pauschale Definition, was denn die Zeichen der Zeit sind und wo ich sie finde. Der Auftrag ergeht an alle Menschen. Wir müssen das gar nicht so hoch hängen, denn die wenigsten werden wohl über Königreiche und Völker gesetzt. Ich meine, Propheten braucht es heute auch noch - hier in Weckhoven und in Hoisten. Menschen, die sich von Gott anrufen lassen, die im Glauben auch schon mal zweifeln, die mit sich und Gott ringen auf ihren Wegen. Wir alle sind dazu aufgerufen, als Glaubende in dieser Welt erkennbar zu leben, danach zu handeln. Und auf Missstände aufmerksam zu machen.

Ich wünschte mir auch: dass Gott mich direkt anspricht.  Beim Predigtschreiben wäre ich mir gerne sicherer, ob ich Gottes Wort verkündige. Oder wenn ich einen Besuch mache. Und Menschen zuhöre, denen es nicht gut geht, dann wünsche ich mir manchmal, dass Gott mir wie dem Jeremia die Hand an den Mund legt und seine Worte gibt. Nur glaube ich nicht, dass das passiert. Denn für mich ist das ein Bild. Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass Gott unseren Mund berührt. Wir können heute die Bibel lesen und sie als unsere Richtschnur im Leben nehmen. Danach können wir dann einreißen und auch bauen.

Ich finde es schwer, zu beurteilen, wo ich einreißen und bauen soll und wie das geschehen soll. Wenn ich die Bibel lese bin ich trotzdem noch unsicher, ob ich denn wirklich das Gelesene auf meine Umwelt und in meinen Alltag übertrage. Oder ob ich nicht zu sehr nach meinem eigenen Vorteil handle und meine Wünsche in die Interpretation hineinnehme. Ich frage mich dann immer noch: Erkenne ich die Zeichen der Zeit richtig?

Und wenn ich den Auftrag an Jeremia höre, dann soll ich einreißen und bauen. Einreißen, das schreckt mich ab. Ich kann bauen, aber nicht einreißen. Ich pflanze auch viel lieber als dass ich die Pflanzen ausreiße.

Zusprechen, erbauen, ermutigen, stärken kann ich, aber nicht zurechtweisen.

Und was wäre, wenn ich die Situation falsch gedeutet habe? Und dann einreiße oder zurechtweise an der falschen Stelle, das hat doch schlimme Auswirkungen.

Trotzdem sind wir herausgefordert einzureißen und zu bauen. Auch in Weckhoven und in Hoisten gibt es viel, dass es einzureißen gilt: Intoleranz gegenüber ausländischen Mitbürgern, Gewalt gegenüber anderen, Egoismus, aber auch Mauern der Angst und des Sich-nichts-zutrauens.

Und es gibt viel aufzubauen: Vertrauen zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu Gott, Wir brauchen mehr Menschen, die ältere Gemeindemitglieder besuchen. Aber wir brauchen auch viel mehr Angebote für Kinder und Jugendliche, um sie von der Straße zu holen.

Wenn ich mir das so überlege, vielleicht ist Jeremia ja auch einfach davor zurückgeschreckt - vor der großen Aufgabe, der Verantwortung. Er versucht, sich herauszureden mit den Worten: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen, ich bin zu jung.“ So will er die Berufung wieder loswerden.

Das finde ich doch auch nur menschlich. Ist ja auch bei uns oft so. Wenn wir gebeten werden, zur Tat zu schreiten und solch eine große Verantwortung zu übernehmen, dann habe ich solche Antworten im Ohr, wie: „Jetzt noch nicht, die Kinder sind noch zu klein.“ „Ich trau mich nicht.“ „Ich will jetzt endlich auch mal an mich denken.“ „Das ist Männersache.“ „Ich kann nicht vor Leuten reden.“ „Wir sollten uns da nicht einmischen. Politik hat doch nichts mit Kirche zu tun.“ „Da findet sich doch sicher jemand, der das viel besser kann als ich.“

Es hat niemand gesagt, dass es einfach ist, Prophetin oder Prophet zu sein. Denn oft fällt es schwer, Stellung zu beziehen und danach zu handeln. Aber gerade an Jeremia können wir etwas spüren von der Kraft des Durchhaltens, weil er von Gott getragen ist. Jeremia ist oft dafür angefeindet worden, dass er die Wahrheit Gottes verkündete. Er ist von seiner Familie geschnitten worden, man hat ihn verfolgt und ins Gefängnis geworfen.

Und obwohl man von einem Propheten erwartet, dass er das Wort Gottes verkündet und Missstände aufzeigt, heißt das mich nicht: Hellsehen können und immer das Richtige zu tun und zu sagen. Aber es heißt: Mich selbst, die anderen und die Welt genau zu beobachten. Das was um mich herum und mit mir geschieht wahrzunehmen. Mich damit auseinanderzusetzen. Aufmerksam sein. Und ich meine schon, dass man sich z.B. durch den Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ die Zeichen der Zeit ansagen kann. Es ist dann doch möglich zu sagen, was deiner Meinung nach diesem Satz widerspricht. Gott möchte, dass wir in Freiheit und Frieden, in Gerechtigkeit und im Einstehen füreinander leben. Alles, was uns daran hindert, muss angesprochen werden.

Mich fasziniert einfach der Mensch Jeremia, an dieser Stelle. Er war auch ein einfacher Mann. Und ich kann mich in ihm wiederfinden, wenn er sagt: „Ach, Herr, ich bin nicht der Richtige. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin es nicht, ich kann es nicht sein, ein Prophet. Ja ich finde er zweifelt geradezu an sich und seinen Fähigkeiten. Er versucht sich da nicht nur herauszureden, sondern er zweifelt. Das kenne ich auch von mir. Schon allein heute. Hier eine Predigt zu halten, einige haben es ja mitbekommen, da bin ich nicht sicher. Oder in ganz anderen Situationen, z.B. im Krankenhaus an einem Bett zu sitzen, bei einem schwer kranken Menschen. Da denke ich auch, vielleicht sind die gestanden PfarrerInnen doch besser hier aufgehoben. Oder vielleicht kann ein Familienmitglied hier viel besser sitzen als ich. Was sage ich, was kann ich überhaupt sagen am Krankenbett?

Wir können nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Und manchmal machen wir auch etwas falsch. Das ist schwer auszuhalten.  Und oft reicht auch unsere Kraft für die vielen Aufgaben nicht aus.  Wir sind dabei ja in guter Gesellschaft. Denn wenn wir im Jeremiabuch weiterlesen, dann sehen wir, dass Jeremia in seinem Leben oft gezweifelt hat, ja er geradezu verzweifelt ist. Er hat den Tag seiner Geburt verwünscht. Aber eins hat er nicht verloren. Seinen Glauben. Er hat seine Klage Gott vorgebracht. Ja er hat sie ihm entgegengeschleudert. Und Gott hat ihn nicht verlassen. Im Gegenteil er hat ihm schon in der Berufung deutlich gemacht: Du bist kein Übermensch, Jeremia, und musst es auch nicht sein und wirst es auch nicht durch diese Berufung. Jeremia bleibt ein ganz einfacher Mensch mit Fehlern und Schwächen. Auch Jeremia ist auf Gottes Hilfe angewiesen. Er hilft ihm beim Reden, er bestätigt ihn in seiner Wahl, er wird ihn erretten, wenn es nötig ist. So wie Gott Jeremia Kraft gab, so gibt er auch uns Kraft. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unserer Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.              

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Veröffentlicht am1. August 2026

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Pfarrer Dirk Thamm

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