Predigt am 16.S.n.Tr. über 2. Timotheus 1,7-10
(20.9.2026; Auferstehungskirche, Thema: Staunen über die Liebe Gottes und dies feiern)
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde!
Versetzen wir uns einmal in die Lage so ca. um 130 n. Chr. Es war schon locker 100 Jahre her, dass Jesus von Nazareth gestorben war. Seine Jünger, die Freunde Jesu, hatten danach als sogenannte Apostel die Botschaft von Jesus weitergetragen. Zusammen mit Paulus hatten sie Gemeinden gegründet. Diese lagen im Mittelmeerraum: Italien, Griechenland, Türkei, Libanon und Israel. Überall waren kleine Gemeinden entstanden. Und diese Gemeinden hatten es nicht einfach. Sie waren vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt. Zum einen gab es immer wieder Verfolgungen, manchmal auch durch den römischen Staat, die damalige Weltmacht. Zum anderen gab es viel Spott und Hohn. „Das sind doch die Verrückten, die an einen Gott glauben, der hingerichtet wurde.“ Diese Bedrohungen waren schwer auszuhalten, aber sie schweißten die Christinnen und Christen der damaligen Zeit zusammen. Sie wurden mancherorts zu einer verschworenen festen Gemeinschaft.
Es gab aber noch eine andere Bedrohung, die für die kleinen Gemeinden viel schwieriger und gefährlicher war. Eine Bedrohung dadurch, dass verschiedene andere Einflüsse in das Christentum hinein wollten, die dort aber nichts zu suchen hatten. Zum Beispiel gab es Menschen, die durch die griechische Vorstellungswelt sehr geprägt waren. Diese traten in den Gemeinden auf und lehrten Dinge wie kosmische Engelmächte. Und auf einmal wären eher ferne Engel das Gegenüber der Menschen gewesen als der eine nahe Gott.
Zum anderen gab es immer wieder jüdisch geprägte Menschen, die die Christinnen und Christen aufforderten, sich an die Gesetze des Moses zu halten. Und Glauben hätte weder bedeutet, die Liebe in Geboten zu verlieren.
Das war nun wirklich eine Gefahr. Denn die Lehre Jesu, seine Botschaft stand auf dem Spiel. Sie konnte verfälscht werden, verwässert werden. Und damit war die Gefahr da, dass diese einzigartige Sicht Gottes, die Jesus Christus gelehrt hatte, falsch weitergegeben wurde. Und das hätte auf Dauer das Ende des christlichen Glaubens bedeutet.
In dieser Situation hat sich ein Mann hingesetzt und einen Brief an die christlichen Gemeinden geschrieben. Und da er wollte, dass der Brief gelesen wird, hat er gemogelt. Er hat ihn nämlich als einen Brief an Timotheus geschrieben. Dieser Timotheus war einmal ein sehr bekannter Mitarbeiter des Paulus gewesen. Als der Timotheusbrief geschrieben wurde, war Timotheus schon seit vielen Jahrzehnten tot. Aber der Trick hat funktioniert. So gut sogar, dass die Briefe Aufnahme in die Bibel gefunden haben.
Und genau daraus stammt der Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht im 2. Timotheusbrief, im ersten Kapitel, in den Versen 7-10. Er lautet:
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
„Ihr seid selig“ und „Ihr seid berufen“ heißt es dort. Ganz klar war die Botschaft: Ihr als Christinnen und Christen seid etwas Besonderes. Und die Erklärung wird gleich mitgeliefert. Ihr seid nicht besonders, weil ihr etwas gut gemacht habt oder euch gut verhalten habt. Ihr seid besonders, weil Gott dies so will, weil er es beschlossen hat.
Welchen Brief würde der Briefschreiber heute schreiben? Wie sähe sein Brief an uns heute morgen in der Auferstehungskirche aus? Was wäre ihm heute wichtig, uns zu sagen?
Als wir den Gottesdienst geplant haben, da sagte einer der Teilnehmer: Es gibt im Moment eine richtig schlechte Stimmung in unserem Land und auch in unseren Kirchen. Stimmt, die Stimmung könnte besser sein. Die vielen Stimmen für die AfD sind eine Katastrophe, die Spritpreise machen einen arm, Die Politik kriegt die Dinge einfach nicht auf die Reihe, die Bahn ist nie pünktlich, die Schulen schlecht, und, und, und …Auch in den Kirchen ist die Stimmung nicht prima. Bei unseren Nachbarn in St. Paulus überlegt man eine Tagespflege zu bauen auf Kosten von Räumen für die Jugend. Wir haben bekannt gegeben, dass wir zwei Gemeindezentren aufgeben.
Ich glaube, ich weiß, was der Verfasser des Timotheusbriefes uns heute sagen oder schreiben würde.
„Hey, habt ihr denn ganz vergessen, dass ach ihr etwas Besonderes seid. Ihr seid doch auch von Gott geliebte Menschen. Ihr seid besonders, immer noch. Und guckt euch doch mal um, wie viele heute da sind. Ihr feiert heute ein Fest, ein Fest mit drei Gemeinden zusammen: Katholisch, griechisch-orthodox und evangelisch. Ihr könnt euch einfach freuen. Ihr seid geliebt und feiert ein Fest.“
In dem Lied, was der Chor gleich singen wird, heißt es: Es gibt 10000 Gründe Gott zu loben. Lobe den Herrn, meine Seele singe, bete den König an. Heute ist ein Kind getauft worden. Wie großartig, die Sache Gottes geht weiter.
Und wir leben weiterhin in einem tollen Land. Warum wollen denn so viele Millionen Menschen hier leben? Weil es sich einfach in unserem Land wirklich gut leben lässt.
Wir laufen im Moment Gefahr, genau dieses alles außer Acht zu lassen. Wir haben es uns abgewöhnt genau darüber zu staunen. Sie und ich sind gemeint mit dieser Gnade. Sie und ich sind selig. Sie und ich sind für Gott etwas Besonderes. Und dadurch sind Sie und ich besonders.
Was das bedeutet, möchte ich Ihnen und Euch an einem Beispiel deutlich machen. Im diesem Jahr ist der Fußballverein SV Elbersberg in die Bundesliga aufgestiegen. Mit einer riesigen Freude und viel Staunen spielen sie seitdem Fußball. Sowohl die Fans als auch der Trainer und die Spieler staunen immer noch, dass sie in der Bundesliga spielen können. Und deswegen ist für sie jedes Spiel etwas Besonderes. Mit viel Enthusiasmus geht man ans Werk. Da kommt der Verein Bayer Leverkusen nach Elversberg, einem Dorf von 7400 Menschen – weniger als in Weckhoven. Ein Verein, der in der höchsten europäischen Klasse spielt. Und er verliert sang- und klanglos 3:2. Einfach besiegt durch eine Mannschaft, die mit Freude und Staunen spielt. Danach gewinnen sie in Gladbach mit dem Ergebnis, dass der SV Elversberg in der Tabelle sogar vor Bayern München stand. In dem Moment aber, wo die Freude und das Staunen aufhören werden, wird die SV Elversberg wie jeder andere Fußballverein sein. In dem Moment, wo die Leistung und das Siegen zur eigenen Selbstverständlichkeit wird, wird die Freude und das Staunen aufhören. Und anstelle der Erfolge werden Niederlagen und Enttäuschungen treten.
In dem Moment, wo wir als Christinnen und Christen das Staunen vor der Liebe Gottes verlieren, wird alles das, was wir in Gemeinde oder privat erreichen zur Selbstverständlichkeit. Und wir verlieren dadurch das Leben mit Gott. Denn über kurz oder lang werden wir uns immer mehr daran gewöhnen, dass das Gelingen von uns und unserer Kraft abhängt. Und auch das Misslingen werden wir an uns selber festmachen. Kraft, Liebe und Besonnenheit werden wir dann irgendwann zu unseren eigenen Fähigkeiten zählen und uns ärgern, dass wir so oft daran scheitern.
Deswegen feiern wir heute miteinander ein Fest der Gemeinschaft und ein Fest des Glaubens. Und staunen wir dabei über unseren Gott, unser Leben hier und unser schönes Land.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus Amen.