Predigt über 1. Thessalonicher 5, 1-6 am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres
(8.11.2026, Auferstehungskirche, Thema: Leben als Kinder im Licht)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde!
Heute ist ein Stück aus dem ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki unser Predigttext. Dieser Brief ist das älteste christliche Zeugnis, das wir haben. Thessaloniki ist die zweite Gemeinde, die Paulus gegründet hat. Zu ihr hielt er später brieflich Kontakt.
1 Wann das alles sein wird, zu welcher Zeit und Stunde, brauchen wir euch, liebe Brüder und Schwestern, nicht zu schreiben. 2 Ihr wisst selbst ganz genau, dass der Tag, an dem der Herr kommt, so unerwartet eintreffen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sich die Leute in Sicherheit wiegen und sagen werden: »Überall ist Ruhe und Frieden«, wird sie das Ende so plötzlich überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau. Es wird für niemanden mehr einen Ausweg aus dem Verderben geben. 4 Doch ihr, liebe Brüder und Schwestern, lebt ja nicht in der Finsternis. Also kann euch der Tag, an dem der Herr kommt, auch nicht wie ein Dieb in der Nacht überraschen. 5 Ihr alle lebt im Licht; ihr gehört zum hellen Tag und nicht zur Nacht mit ihrer Finsternis. 6 Darum lasst uns nicht schlafen wie die anderen! Wir wollen hellwach und nüchtern bleiben!
Man spürt dem Brief an, dass er wirklich der nächste ist am Geschehen von Leben und Tod Jesu. Damals lebten die Menschen in dem Bewusstsein, in besonderen Zeiten zu leben. Sie erwarteten, dass bald Jesus auf die Erde zurückkehren würde. Und dann würde sich alles verändern. Die Welt würde eine andere.
Dann aber blieb diese Weltveränderung aus. Und es stand eine Frage im Raum: Und jetzt, was sollen wir jetzt machen?
Paulus geht darauf ein und beschwört die Gemeinde zweierlei zu tun: 1. Weiterhin bereit zu sein für den Tag. 2. Als Kinder des Lichts zu leben.
Immer wieder haben Menschen mit dem Ende der Welt gerechnet. Sie haben anhand der Bibel Daten ausgerechnet, an denen Jesus kommen sollte. So hat es dies auch im Mittelalter gegeben. Wenn Jesus bald kommt, dann hat es keinen Sinn mehr, Felder zu bestellen. Dann müssen wir nur noch beten und auf Gott warten. Ganze Landstriche blieben verwaist. Das Ergebnis waren Hungerzeiten mit großem Elend.
Später dann haben die Zeugen Jehovas Zeiten festgelegt, an denen die Welt nun endgültig untergehen sollte. Aber --- sie steht immer noch.
Wir als Christinnen und Christen glauben daran, dass irgendwann einmal Gott diese Welt verwandeln wird. Aber wann das sein wird, das weiß er alleine.
Tja und nun, was machen wir mit dem Predigttext, den Gedanken des Paulus 2026, heute hier in der Auferstehungskirche?
Mir fallen die letzten Sätze auf: Doch ihr, liebe Brüder und Schwestern, lebt ja nicht in der Finsternis. Also kann euch der Tag, an dem der Herr kommt, auch nicht wie ein Dieb in der Nacht überraschen. Ihr alle lebt im Licht; ihr gehört zum hellen Tag und nicht zur Nacht mit ihrer Finsternis. Darum lasst uns nicht schlafen wie die anderen! Wir wollen hellwach und nüchtern bleiben!
Ihr alle lebt im Licht! Als ‚Lichtgestalten‘ werden normalerweise Menschen bezeichnet, die auf besondere Weise aus der Menge herausstechen: Retter der Armen, Kämpferinnen für die Gerechtigkeit, höchstbegabte Wissenschaftler, Künstlerinnen oder Politiker. Die Worte des Paulus kann man als Zusage verstehen, dass auch Christen ‚Lichtgestalten‘ sind.
Damit ist nicht gesagt, dass wir aus eigener Kraft große Leuchten wären. Wenn wir Licht ausstrahlen können, dann, weil Christus uns anstrahlt, weil wir von ihm Licht d.h. Energie beziehen können. Christus erleuchtet uns. Darum nennt Paulus die Glaubenden „Kinder des Lichts“.
Leben ohne Christus ist aus Sicht des Apostels etwas Düsteres. Wo sein Licht nicht leuchtet, kommt es zu dunklen Machenschaften, Aber, so macht der Apostel seinen Leserinnen und Lesern bewusst, das habt ihr hinter euch! Christus hat sich für euch hingegeben. Und euch so aus dem düsteren und gottlosen Leben herausgeholt. Er hat das Dunkel des Todes durchlitten, damit euch nun das Licht des Lebens leuchten kann. Lebt also in und aus dem Licht, das Christus für euch errungen hat.
Das hat dann auch konkrete Folgen: Wenn es in uns hell ist, wird es auch um uns herum hell. Das Licht ist eine kraftvolle Energie. Es bringt Früchte hervor. Was für eine Entlastung! Nicht wir müssen Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervorbringen. Sondern das Licht Gottes bewirkt diese Früchte in uns. Wir selbst und die Menschen, mit denen wir zu tun haben, kommen in den Genuss davon. – In diesem Zusammenhang ergeht auch der Aufruf im heutigen Predigttext: «Lebt als Kinder des Lichts!» Das heißt: «Lebt als Menschen, in denen das Licht Christi brennt.» Dann wird es auch in eurer Umgebung hell und heller. Das düstere Dunkel muss weichen.
Es ist wichtig, das richtig zu verstehen. Hier wird weniger eine Forderung oder ein Leistungsauftrag ausgesprochen, sondern vielmehr eine Verheißung. Gott bewirkt in uns, was er sich wünscht. Genauso hat Jesus in der Bergpredigt nicht gesagt: «Ihr müsst das Licht der Welt sein.» Sondern er spricht seinen Nachfolgern zu: «Ihr seid das Licht der Welt». Wir müssen uns also nicht anstrengen, um zu leuchten. Es genügt, wenn wir ihm zutrauen, dass er sein Versprechen wahr macht und uns mitten im Alltag zum Leuchten bringt.
Ganz ehrlich: Im Moment können wir doch alle Licht vertragen. Denn unsere Zeit ist schon sehr düster. Sorgen und Ängste belasten uns. Für viele von uns ist es ein Stück dunkler geworden im Leben. Da tut es gut, vom Licht zu hören.
Ich möchte mit einer kleinen Geschichte enden, in der es greifbar wird, was es bedeuten kann, Kind des Lichts zu sein für mich selber und für andere:
Rolf Krenzer: Das Adventslicht
Ob sie das vielleicht nach Hause nehmen dürfte, fragte sie und hielt den kleinen Kerzenständer aus Stanniol, der auf ihrem Tisch gestanden hatte, in ihren alten zittrigen Händen. Die Kinder hatten die Kerzenständer für die Altenfeier im Pfarrsaal gebastelt, und die Kerze darin war fast heruntergebrannt.
Frau Heldmann nickte ihr freundlich zu. Dann wandte sie sich wieder der Arbeit zu, die sie mit anderen Frauen heute Nachmittag übernommen hatte. Sie legte die übriggebliebenen Kuchenstücke zusammen auf einen Teller und stellte dann die Kaffeetassen ineinander. Eine Stunde würden sie noch brauchen, bis alles wieder gespült und aufgeräumt war.
Die alte Frau verpackte den Stanniolständer mit dem winzigen Kerzenrest sorgsam in ihrer Handtasche und ging dann mit müden Schritten dem Ausgang zu. Man hatte ein Taxi für sie bestellt, damit sie sicher und bequem nach Hause käme.
Später stellte sie das kleine Licht dort zu dem Platz, an dem sie nun seit über drei Monaten allein ihr Essen einnahm. Sie kochte sich einen Tee und zündete die kleine Kerze wieder an, bevor sie sich davorsetzte. Eigentlich hatte sie in diesem Jahr mit Advent und Weihnachten nichts im Sinn gehabt. Seitdem ihr Mann im Herbst gestorben war, war ihr ihre Einsamkeit von Tag zu Tag schmerzlicher bewusst geworden. Die Kinder waren weit weg. Sicher würden sie sie zu Weihnachten einladen. Aber sie war sich nicht sicher, ob sie diese Einladung annehmen würde. Sie war Weihnachten noch nie von zu Hause fort gewesen. Der Schmerz war noch zu groß. Damit wollte sie Weihnachten niemanden belasten. Hier zu Hause hatte sie nichts vorbereitet, was auf Advent oder Weihnachten hindeutete. Nein, sie wollte möglichst wenig von der vorweihnachtlichen Zeit mitbekommen, um das Alleinsein nicht noch härter zu empfinden. Nur zögernd hatte sie die Einladung der Kirchengemeinde zur Altenfeier angenommen. Und das auch erst, nachdem sie zweimal bei ihr gewesen waren und sogar das Taxi versprochen hatten.
Jetzt blickte die alte Frau in die fast ausgebrannte Kerze und erinnerte sich daran, wie schön der Nachmittag doch gewesen war. Seit langer Zeit hatte sie wieder einmal gelacht, als die Kinder das Spiel von der verlorenen Nikolausmütze spielten. Sie hatte sich an Zeiten erinnert gefühlt, als ihre eigenen Kinder noch klein waren, als sie noch eine richtige Familie waren. Als ihr bewusst wurde, dass die Kerze am Ausbrennen war, stand sie schnell auf und suchte in einer Schublade nach einer anderen. Und als sie sie in den kleinen Ständer steckte und anzündete, da spürte sie deutlich, dass dieser Tag anders war als all die Tage vorher. Ein bisschen freudiger, hoffnungsvoller. Später rief sie ihrer Tochter in Hamburg an. Sie erzählte von der Adventsfeier, berichtete von dem Spiel der Kinder und von dem kleinen Kerzenständer, den sie mit nach Hause genommen hat. Und als ihre Tochter sie fragte, ob sie nicht doch an Weihnachten zu ihnen kommen wollte, da wehrte sie nicht mehr ab, sondern fragte: „Wird es nicht zu eng bei euch, wenn ich komme?" Amen.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Jesus Christus. Amen.